Grünland mit Lesesteinhaufen
Lesesteinhaufen im zweiten Standjahr © Josephine Kuczyk

Totholz- und Lesesteinhaufen schaffen mit geringem Aufwand wertvolle Lebensräume für zahlreiche Insektenarten. Das folgende Praxisbeispiel zeigt, welchen Nutzen diese Kleinstrukturen auf landwirtschaftlichen und kommunalen Flächen bieten, welche Standortbedingungen wichtig sind und wie Anlage, Pflege und langfristige Entwicklung in der Praxis gelingen können.

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Zusammenfassung

Um einen dauerhaften Lebensraum für die verschiedensten Insekten zu schaffen, reicht es nicht, nur ein vielfältiges Blütenangebot anzubieten. Insbesondere Wildbienen, Wespen und Käfer sind auf ergänzende Strukturen als Nistplätze angewiesen. Diese sind jedoch in der heutigen Kulturlandschaft nur noch selten zu finden.

Daher ist es umso wichtiger, neben ausreichendem Nahrungsangebot auch eine Vielzahl an verschiedenen Niststrukturen anzulegen. Nur so können dauerhafte Lebensräume für Insekten entstehen. Stellvertretend für die zahlreichen Möglichkeiten solcher Niststrukturen, möchten wir hier Totholz- und Lesesteinhaufen vorstellen.

Eine Vielzahl an Wildbienen, Wespen und Käfer benötigen für ihre Nester Materialien wie abgestorbenes Holz oder Hohlräume zwischen Steinen. Totholz- und Lesesteinhaufen bieten dabei nicht nur Nistmöglichkeiten, sondern sind zudem sichere Überwinterungsquartiere für viele verschiedene Insekten. Zudem bieten die sich in der Sonne schnell aufheizenden Steinhaufen für Schmetterlinge und andere Fluginsekten eine gute Aufwärmmöglichkeit für ihren Start in den Tag.

Mit der simplen Aufschüttung von Totholz und Feldsteinen lassen sich auf unkomplizierte Weise neue Lebensräume schaffen. Bei der Anlage gilt: je größer, desto besser. Sind solche Haufen erst einmal angelegt, können sie in den Folgejahren auch immer weiter ergänzt werden. Insbesondere in der Kulturlandschaft bieten solche Kleinstrukturen die Möglichkeit, ungeliebte Feldsteine von den Äckern und anfallenden Gehölzschnitt, z.B. von der Heckenpflege, sinnvoll zu verwenden.


Mehrwert für den Insektenschutz

Totholzhaufen fungieren als Rückzugsorte für totholzbewohnende Arten wie Käfer, Schwebfliegen oder Wildbienen. Besonders wertvoll sind größere Holzstücke und Hohlräume, die Schutz vor Fressfeinden bieten. Totholz dient einigen Wespenarten wie z.B. der Riesenholzwespe (Urocerus gigas) und vielen xylobionten Käferarten auch als Nahrung.

Die Hohlräume von Lesesteinhaufen dienen auch als Unterschlupf für bodenbewohnende Insekten wie Ameisen und Käfer. Ebenso werden sie von Wildbienen, z.B. von seltenen Vertretern der Mörtel- und Mauerbienen genutzt, die zwischen den Steinen ihre freihängenden Nester errichten.

Beide Kleinstrukturen bieten zudem Nistplätze und Schutz vor winterlicher Witterung wie auch vor extremer Hitze.


Mehrwert für die Landwirtschaft / Kommunen

Der Vorteil von Kleinstrukturen für die Umsetzenden liegt vor allem in ihrer Einfachheit. Totholz- und Lesesteinhaufen lassen sich fast überall mit vergleichsweise geringem Arbeitsaufwand errichten. Sie sind daher für die Landwirtschaft, Kommunen und Privatleute ein einfaches und schnelles Mittel bestehende Flächen aufzuwerten und einen wesentlichen Beitrag zum Insektenschutz zu leisten.

In der Agrarlandschaft bieten solche Kleinstrukturen den Insekten neue Lebensräume, die sie in Hinblick auf ausreichende Nahrungsressourcen sowie für eine dauerhafte Ansiedlung benötigen. Mit dem damit verbundenen Anstieg der Insektenpopulationen am Ackerrand steigt auch ihr Beitrag zur natürlichen Schädlingsregulierung auf den Feldern. Dadurch kann der Einsatz von Pestiziden verringert werden.

Auch Kommunen können von Totholz- und Lesesteinhaufen profitieren: Werden die „Haufen“ nicht nur einfach aufgeschichtet, sondern künstlerisch gestaltet, kann dies zu einem attraktiveren Stadtbild beitragen und monotone Grünflächen abwechslungsreicher machen. Zudem wird der Insektenschutz durch solche Kleinstrukturen für Bürgerinnen und Bürger greif- und erlebbarer. Darüber hinaus bietet die Anlage von Totholzhaufen eine gute Möglichkeit, anfallendes Schnittgut aus der Gehölzpflege kostenfrei zu „entsorgen“.


Standortvoraussetzungen

Lesesteinhaufen sollten in sonnenexponierter und windgeschützter Lage errichtet werden. Totholzhaufen funktionieren auch an schattigen Standorten. Beide Strukturen sind geeignet für verschiedenste Landschaftsbereiche wie Gärten, Parks, Weiden, Säume oder Wegränder. Dabei braucht es in unmittelbarer Nähe der Kleinstrukturen vielfältige Blühangebote, weil die Strukturen sonst möglicherweise nur wenig bis gar nicht genutzt werden.

Um die Kleinstrukturen vor äußeren Umwelteinflüssen zu schützen, sollten sie von einem unbearbeiteten Pufferstreifen von circa 50 cm umgeben sein. In der Agrarlandschaft – mit Ausnahme von Weiden – ist zudem ein drei Meter breiter Schonstreifen mit Minimalbewirtschaftung bei angrenzenden Nutzungen wünschenswert.


Umsetzung Totholzhaufen

Für Totholzhaufen kann anfallendes Schnittgut von Laubgehölzen, z.B. von der Heckenpflege, genutzt und auf mindestens 0,5 m Höhe aufgeschichtet werden. Die Integration größerer Holzstücke wie Wurzelstöcke und Baumstümpfe bietet totholzbewohnenden Arten einen wertvollen Lebensraum. Die größeren Stücke sollten beim Aufbau des Haufens zuerst aufgeschichtet werden. Die so entstehenden Hohlräume können dann mit feinerem Astmaterial aufgefüllt werden.

Um ein schnelles Zuwachsen zu verhindern, kann vor dem Aufschichten des Totholzhaufens die Humusschicht des Bodens abgetragen werden.


Umsetzung Lesesteinhaufen

Ähnlich wie bei Totholzhaufen lassen sich Lesesteinhaufen ebenfalls durch eine mindestens 0,5 m hohe Aufschichtung unterschiedlich großer Steine anlegen. Die innenliegenden Hohlräume können bei Bedarf noch mit einem Sandgemisch aufgefüllt werden. Es sollten aber einige Hohlräume erhalten bleiben, da diese vor allem von Wildbienen wie der Matten Natterkopf-Mauerbiene (Osmia anthocopoides) oder der Spaltenwollbiene (Anthidium oblangatum) für den Bau ihrer Nester genutzt werden.

Auch bei Lesesteinhaufen bietet sich eine Entfernung des Oberbodens vor der Anlage an, um so ein schnelles Zuwachsen zu verhindern. Bei der Aufschichtung ist für eine ausreichende Stabilität zu sorgen. Gute Bezugsquellen für entsprechende Steine sind ortsansässige Landwirte und lokale Bauhöfe oder Steinbrüche.


Herausforderungen und Aufwand

Die Anlage von Totholz- und Lesesteinhaufen ist im Vergleich z.B. zu der Anlage eines Blühstreifens simpel und schnell durchführbar. Sie können zudem unabhängig von der Jahreszeit angelegt werden.

Herausforderungen
Die Anlage von Kleinstrukturen birgt sowohl auf öffentlichen als auch auf landwirtschaftlich genutzten Flächen ein Konfliktpotenzial und ist daher gut abzuwägen und abzustimmen. Auf öffentlichen Flächen sollte ein Standort gewählt werden, der die Nutzung und Pflege der Gesamtfläche nicht beeinträchtigt.

Durch Öffentlichkeitsarbeit, etwa mit Info-Schildern (Beispiel aus BROMMI), können die ungewohnten Strukturen und deren ökologischer Wert erläutert werden. Auf landwirtschaftlichen Flächen ist zu beachten, dass die Kleinstrukturen aus der Bruttofläche herausgerechnet werden.

Aufwand
Der Aufwand für die Anlage von Totholz- und Lesesteinhaufen hängt von Faktoren wie der verfügbaren Fläche, den örtlichen Gegebenheiten und den benötigten Materialien ab. Der höchste zeitliche und körperliche Aufwand für die Anlage der Kleinstrukturen liegt beim Zusammentragen des Schnittguts und der Steine bzw. der Beschaffung dieser Materialien sowie dem Transport zum Standort.

In sehr steilen Lagen, wie beispielsweise in Baden-Württemberg, kann der Transport zum Umsetzungsort herausfordernd sein und sollte bei der Planung berücksichtigt werden. Auch kann die Vorbereitung der Fläche einen höheren Aufwand erfordern, wenn zunächst die Vegetation und die Humusschicht entfernt werden muss.

Pflege und Aufwertung
Die Pflege der Kleinstrukturen ist verhältnismäßig überschaubar. In der Regel reicht es, die Strukturen alle zwei Jahre von beschattendem Bewuchs zu befreien. Insbesondere Totholzhaufen sollten nach einigen Jahren komplett erneuert oder zumindest neu aufgeschichtet werden. Es ist auch möglich, die Kleinstrukturen jährlich zu erweitern, indem neue Steine oder Totholz auf die vorhandenen Anhäufungen gelegt werden.

Insbesondere im städtischen Umfeld lassen sich die eher unscheinbaren Strukturen noch ästhetisch aufwerten. So können Tot- und Lesesteinhaufen beispielsweise in organischen oder künstlerischen Formen geschichtet werden, und damit auch einen gestalterischen Zusatznutzen entfalten.


Erfahrungen und Tipps für die Praxis

Nadelhölzer sind für nur wenige Arten geeignet und sollten daher nur einen kleinen Teil des Totholzhaufens ausmachen oder als separater Haufen angelegt werden. Außerdem ist insbesondere bei Nadelgehölz auf den Befall mit Borkenkäfern zu achten. Befallenes Holz ist nicht geeignet. Um den Pflegeaufwand gering zu halten, empfiehlt es sich auf austreibende Gehölze wie z.B. Weide zu verzichten und Standorte mit hohem Dornenbewuchs zu meiden.

Lesesteinhaufen können auch dazu genutzt werden, Bereiche wie Solitärbäume von der Nutzungsfläche in der Agrarlandschaft abzutrennen und Beschädigungen zu vermeiden. Der Abstand zum Stamm sollte aber mindestens einen Meter betragen.

In der Agrarlandschaft gelten Lesesteinhaufen ab einer Länge von fünf Metern als Landschaftselement und dürfen dann nicht mehr entfernt werden.


Weiterführende Informationen

• Gottwald F. & Stein-Bachinger K. (2016):Landwirtschaft für Artenvielfalt – Ein Naturschutzmodul für ökologisch bewirtschaftete Betriebe. 2. Auflage, S. 164 & 168 (abgerufen am 30.04.2025)

• Stommel, C., Becker, N., Muchow, T. & Schmelzer, M. (2018). Maßnahmen- und Artensteckbriefe zur Förderung der Vielfalt typischer Arten und Lebensräume der Agrarlandschaft. Abschlussbericht zum DBU-Projekt 91017/19, S. 233 & S. 312 (abgerufen am 30.04.2025)

• Gawlik & Zippel (2019) Naturschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft – Aktueller Überblick über Maßnahmen aus dem Verbund-Projekt „Lebendige Agrarlandschaften – Landwirte gestalten Vielfalt!“, Deutscher Bauernverband e.V., S.14 & S. 28 (abgerufen am 30.04.2025)

• Infoschild zu Lesesteinhaufen: Beispielschild aus dem BROMMI-Projekt

• Handreichung Totholz- und Lesesteinhaufen – Kleinstrukturen für Insekten, BROMMI-Projekt


Autor*innen:

• Dr. Josephine Kuczyk, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärenreservat Schaalsee

• Florian Lauer, BROMMI-Projektmanager Biosphärenreservat Mittelelbe

• Alina Schaak, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärengebiet Schwarzwald

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