Hecken pflanzen in der landwirtschaftlichen Flur und auf kommunalen Flächen
Hecken leisten einen wichtigen Beitrag für Biodiversität, Klimaanpassung und eine nachhaltige Landnutzung. Das folgende Praxisbeispiel zeigt, welche Vorteile Hecken für Landwirtschaft und Kommunen bieten, welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Pflanzung erfüllt sein sollten und worauf es bei Umsetzung, Pflege und langfristiger Entwicklung in der Praxis ankommt. Zum Inhalt springen: ↓ Zusammenfassung ↓ Mehrwert für den Insektenschutz ↓ Mehrwert für die Landwirtschaft und Kommunen ↓ Standortvoraussetzungen ↓ Umsetzung ↓ Herausforderungen und Aufwand ↓ Erfahrungen und Tipps für die Praxis ↓Weiterführende Informationen Zusammenfassung Hecken sind Multitalente nicht nur für die Biodiversität, sondern auch für die Landwirtschaft. Sie bieten Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten und fördern auch Insekten. Gleichzeitig erfüllen sie wichtige Funktionen für die Landwirtschaft: Sie schützen vor Bodenerosion durch Wind und Wasser, verbessern das Kleinklima und mindern die Austrocknung der angrenzenden Flächen. Nicht nur Insekten und andere Tiere gewinnen Lebensraum, auch Anwohnende und Erholungssuchende profitieren von dem abwechslungsreichen Landschaftsbild sowie der Klimaschutzwirkung. Es gibt also viele gute Gründe Hecken zu pflanzen. Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, um eine Hecke erfolgreich zu etablieren? Wie sieht die langfristige Pflege aus und welche Herausforderungen sind zu erwarten? Dieses Praxisbeispiel gibt einen Überblick über den Nutzen von Hecken, die wichtigsten Standortanforderungen und zeigt anhand von Erfahrungen auf, wie eine erfolgreiche Umsetzung gelingen kann. Mehrwert für den Insektenschutz Hecken sind wertvolle Lebensräume für eine Vielzahl von Insekten, darunter Wildbienen, Schmetterlinge und Käfer. Gehölze wie z. B. Weißdorn, Schlehe, Wildrosen und Weiden bieten Nahrung für alle Entwicklungsstadien von Insekten. Gleichzeitig fungieren dichte Strukturen aus Ästen, Laub und Totholz als Unterschlupf und Winterquartier. Durch ihre lineare Struktur fördern Hecken die Vernetzung von Lebensräumen. Sie ermöglichen Insekten zu wandern und bilden Trittsteine, um neue Lebensräume zu besiedeln, Nahrungsquellen und Plätze für die Eiablage zu finden. Besonders wertvoll sind mehrreihige Hecken bestehend aus einer Vielzahl an gebietsheimischen Sträuchern, die sowohl früh- als auch spätblühende Gehölze enthalten und so über lange Zeiträume Nahrung bereitstellen. Hecken sind somit ein wichtiger Baustein für den Erhalt von Bestäubern und Nützlingen und tragen zur Stabilisierung von (Agrar-)Ökosystemen bei. Mehrwert für die Landwirtschaft und Kommunen Für angrenzende landwirtschaftliche Flächen bieten Hecken zahlreiche Vorteile. Sie wirken bei Wetterextremen ausgleichend und mindern deren Auswirkungen. Hecken reduzieren Windgeschwindigkeiten, schützen so vor Winderosion und verhindern das Austrocknen des Bodens. Der Windschutz einer Hecke kann bis in eine Entfernung vom 25-fachen der Heckenhöhe reichen. Bei einer Heckenhöhe von 4 m ist also noch in 100 m eine Abschwächung der Windgeschwindigkeit gegeben. Der Effekt für den Windschutz ist neben Art und Dichte der Hecke von der Windstärke und der Windrichtung abhängig. Bei Regenereignissen tragen quer zur Erosionsrichtung gepflanzte Hecken zum Wasserrückhalt bei, indem sie den Oberflächenabfluss verlangsamen und Bodenerosion verhindern. Damit bieten sie für Landwirte und Landwirtinnen eine wertvolle Möglichkeit zur Anpassung an den Klimawandel. Ein weiterer Vorteil ist ihr Beitrag zur natürlichen Schädlingsregulierung auf den angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen. Hecken beherbergen zahlreiche Nützlinge wie Marienkäfer, Schlupfwespen und Florfliegen, die Schädlinge auf den Feldern in Schach halten. Dadurch kann der Pestizideinsatz verringert werden. Werden Hecken als Teil eines Agroforstsystems gepflanzt, können Landwirte und Landwirtinnen durch sie zusätzliche Erträge aus Wertholz, Hackschnitzeln oder Früchten generieren. Bei entsprechender Zertifizierung können die Hecken auch zur Gewinnung von autochthonem Saatgut genutzt werden. Auch Kommunen profitieren von Hecken: Sie tragen zu einem attraktiven Landschaftsbild bei, fördern die Biodiversität, bieten Erholungsräume für die Bevölkerung und sorgen im Sommer für eine Abkühlung der Temperaturen. Zudem binden sie CO₂ und leisten somit einen Beitrag zum Klimaschutz. Auch die Auswirkungen von Extremereignissen können durch den Wasserrückhalt mit Gehölzen in Siedlungen gemindert werden. Standortvoraussetzungen Optimal für die Pflanzung von Hecken sind Flächen mit guter Wasserversorgung ohne Staunässe. Es können auch trockenere oder nährstoffärmere Standorte bepflanzt werden, wenn die Gehölzauswahl entsprechend angepasst wird. Tiefwurzelnde Arten wie Weißdorn, Feldahorn oder Hainbuche eignen sich gut für trockene Standorte, während Weiden oder Erlen feuchtere Böden bevorzugen. Auch die Sonneneinstrahlung spielt eine Rolle: Während Wildrosen und Schlehen sonnige Standorte bevorzugen, gedeihen Hasel oder Hartriegel auch im Halbschatten. Eine artenreiche Mischung sorgt für eine widerstandsfähige und funktionale Hecke. Hecken können auf landwirtschaftlichen oder kommunalen Flächen gepflanzt werden. Sie sollten so positioniert sein, dass sie die Bewirtschaftung der angrenzenden Flächen möglichst wenig behindern. Fahrgassen und Wendeplätze sind in der Planung zu berücksichtigen. Der Mindestabstand einer Hecke zum Acker ist i.d.R. in den Nachbarrechtsgesetzen der Länder geregelt. Auch im Hinblick auf angrenzende nicht landwirtschaftlich genutzte Flächen ist ein landesspezifischer Mindestabstand zwischen der Hecke und dem Nachbargrundstück einzuhalten. Dies gilt auch für Hecken, die im Innenbereich angelegt werden (hier gibt der jeweilige Bebauungsplan Auskunft zum Mindestabstand). Alternativ können auch die zuständigen Naturschutzbehörden Auskunft erteilen. Bei der Anlage auf landwirtschaftlichen Flächen ist zu überlegen, ob ein dauerhaftes Landschaftselement geschaffen oder mit einem Agroforstsystem eine Nutzung der Hecke realisiert werden soll. Breite Hecken können mit Bäumen kombiniert werden. Nicht in jeder Region ist die Pflanzung von Bäumen sinnvoll, da manche Offenland-Vogelarten, insbesondere Bodenbrüter, einen definierten Abstand von Bäumen einhalten. Die Gebiete auf die dies zutrifft, sind in der Regel bekannt und können leicht bei den Unteren Naturschutzbehörden oder einem örtlichen Naturschutzverein erfragt werden. Umsetzung Bodenvorbereitung: Die richtige Bodenvorbereitung ist entscheidend für eine erfolgreiche Heckenpflanzung und unterscheidet sich je nach Flächentyp: Ackerland: Da Ackerböden oft eine intensive Bearbeitung erfahren haben, sind sie in der Regel locker und gut durchwurzelbar. Allerdings kann die Nährstoffversorgung unausgewogen, und damit die Konkurrenz durch Beikräuter ein Problem sein. Vor der Pflanzung sollte eine mechanische Bodenbearbeitung (z. B. tiefes Pflügen oder Fräsen) mit anschließendem Eggen erfolgen, um eine lockere, durchwurzelbare Struktur zu schaffen. Eine Mulchschicht aus Stroh, Holzhäckseln oder anderem organischen Material, die nach dem Pflanzen ausgebracht wird, kann helfen Feuchtigkeit zu speichern und Beikrautwuchs zu reduzieren. Grünland: Hier stellt die dichte Grasnarbe eine besondere Herausforderung dar. Ohne Vorbereitungsmaßnahmen können sich die Heckenpflanzen nur schwer etablieren. Ein bewährtes Verfahren ist das Abfräsen oder Umgraben der Pflanzstreifen (ca. 1 m Breite pro Reihe). Alternativ kann eine Schwarzbrache durch Abdeckung mit Pappe oder Folie über mehrere Monate erfolgen, um die Grasnarbe zu schwächen. Besonders bei trockenheitsanfälligen Standorten kann das Einbringen von organischem Material, wie Hornmehl oder Kompost, in die Pflanzgruben das Anwachsen unterstützen. Pflanzung und Pflanzgut: Die optimale Pflanzzeit liegt, insbesondere in trockenen Regionen, im Herbst (Oktober bis Dezember). Seit dem 2. März 2020 darf laut §40 Bundesnaturschutzgesetz das Saat- und Pflanzgut sowohl von krautigen Arten als auch von Gehölzen in der freien Natur nur noch innerhalb ihrer Vorkommensgebiete ausgebracht werden. Das heißt, außerhalb von Siedlungen und landwirtschaftlich genutzten Kulturen ist es verpflichtend, Gehölze aus der entsprechenden Vorkommensregion zu verwenden. Auch bei Agroforstmaßnahmen auf Acker oder Grünland sollten heimische Gehölze bevorzugt werden. Besonders bewährt haben sich Arten wie Hasel, Weißdorn, Schlehe, Liguster, Wildrosen, Hainbuche oder Holunder, da sie gut mit den wechselnden Witterungsbedingungen zurechtkommen und gleichzeitig Lebensraum für eine Vielzahl von Insekten und Vögeln bieten. Eine Mischung aus früh- und spätblühenden Sträuchern sowie unterschiedlichen Wuchshöhen fördert die ökologische Wertigkeit. Gehölze, die als Nacktwurzler verkauft werden, sind in der Regel kostengünstiger. Sie stehen bei den Baumschulen meist im Herbst zur Verfügung. Ebenso sollten eher kleinere Sträucher und Heister für Bäume Verwendung finden. Sie wachsen besser an und sind kostengünstiger. Zudem ist der Zuwachs bei den kleineren Gehölzen zumeist so stark, dass Größenunterschiede in wenigen Jahren nicht mehr zu sehen sind. Je nach gewünschter Dichte erfolgt die Pflanzung in einer oder mehreren Reihen mit Abständen von etwa 1 bis 1,5 Metern zwischen den Pflanzen, sowohl in der Reihe als auch zwischen den Reihen. Mehrreihige Pflanzungen sind ökologisch wertvoller, da sie eine höhere Strukturvielfalt bieten und Windschutz und Habitatqualität verbessern. Anwuchspflege: In den ersten Jahren ist eine ausreichende Wasserversorgung entscheidend. Besonders auf ehemaligen Ackerflächen kann eine zusätzliche Mulchschicht helfen, die Feuchtigkeit zu halten. Um Wildverbiss zu verhindern, können natürliche Vergrämungsmittel, z. B. stark riechende pflanzliche Mittel wie Knoblauch oder Zwiebelextrakte, tierische Haarbüschel oder Exkremente, eingesetzt werden. Eine weitere gute Möglichkeit vor Verbiss zu schützen, ist eine Umzäunung, die nach frühestens 3 - 4 Jahren abgebaut wird. Bei geringem Zuwachs sollte die Zeit verlängert werden. In jedem Fall sollte bei Hecken, die an einen Acker angrenzen, in den ersten Jahren eine Wurzelerziehung erfolgen. Dazu werden die Wurzeln, die in den Acker wachsen, mit einem Tiefenpflug oder Schwert durchtrennt. Auf diese Weise wird eine Wurzelkonkurrenz zur angrenzenden Kultur vermieden. Zusätzlich sollte immer ein Saum mit einer Mindestbreite von 3 m angelegt werden. Die Anlage eines Saumes bildet einen optimalen Übergang zwischen Hecke und Acker und schont dabei den Wurzelbereich der Hecke. Die Pflege des Saumes sollte nur alle 2 Jahre möglichst gegenläufig zur Pflege des angrenzenden Grünlands bzw. der Bewirtschaftung des Ackers erfolgen. Entwicklung und Folgepflege: In den ersten 3 - 5 Jahren konkurrieren Gräser und andere Pionierpflanzen mit den jungen Gehölzen um Wasser und Nährstoffe. Eine regelmäßige Bodenpflege, beispielsweise durch Mulchen oder vorsichtige mechanische Bearbeitung kann helfen, die Konkurrenz zu reduzieren. Ein erster Formschnitt sollte nach 2 -3 Jahren erfolgen, um eine dichte, verzweigte Struktur zu fördern. Bei trockener Witterung ist außerdem eine Bewässerung der Pflanzen in den ersten ca. 3 - 4 Jahren unumgänglich. Langfristig ist eine regelmäßige Pflege notwendig, um die Hecke funktionsfähig zu halten. Dazu gehört alle 10 - 15 Jahre ein abschnittsweiser Rückschnitt auf den Stock. Dies verhindert übermäßige Verholzung und fördert den Neuaustrieb. Viele Praxisberichte zeigen, dass ein flexibler Rückschnitt der einzelnen Gehölzarten je nach individuellem Wachstum zu einer robusteren und naturnäheren Gestaltung führt. Wichtig bei Landschaftselementen ist die Beachtung der Naturschutzvorgaben. Pflegemaßnahmen sind hier auf die Zeit vom 1. Oktober bis Ende Februar zu beschränken, um Störungen in der Brut- und Nistzeit von Vögeln zu vermeiden. Das Häckselgut kann z. B. als Energieholz verwertet, für Baumscheiben genutzt oder als Humus, z. B. mit Gärresten aus der Biogasanlage vermischt, auf Ackerkulturen ausgebracht werden. In den ersten 3 - 5 Jahren konkurrieren Gräser und andere Pionierpflanzen mit den jungen Gehölzen um Wasser und Nährstoffe. Eine regelmäßige Bodenpflege, beispielsweise durch Mulchen oder vorsichtige mechanische Bearbeitung kann helfen, die Konkurrenz zu reduzieren. Ein erster Formschnitt sollte nach 2 -3 Jahren erfolgen, um eine dichte, verzweigte Struktur zu fördern. Bei trockener Witterung ist außerdem eine Bewässerung der Pflanzen in den ersten ca. 3 - 4 Jahren unumgänglich. Langfristig ist eine regelmäßige Pflege notwendig, um die Hecke funktionsfähig zu halten. Dazu gehört alle 10 -15 Jahre ein abschnittsweiser Rückschnitt auf den Stock. Dies verhindert übermäßige Verholzung und fördert den Neuaustrieb. Viele Praxisberichte zeigen, dass ein flexibler Rückschnitt der einzelnen Gehölzarten je nach individuellem Wachstum zu einer robusteren und naturnäheren Gestaltung führt. Wichtig bei Landschaftselementen ist die Beachtung der Naturschutzvorgaben. Pflegemaßnahmen sind hier auf die Zeit vom 1. Oktober bis Ende Februar zu beschränken, um Störungen in der Brut- und Nistzeit von Vögeln zu vermeiden. Das Häckselgut kann z. B. als Energieholz verwertet, für Baumscheiben genutzt oder als Humus, z. B. mit Gärresten aus der Biogasanlage vermischt, auf Ackerkulturen ausgebracht werden. Herausforderungen und Aufwand Finanzielle und zeitliche Investition Die Anlage einer Hecke erfordert sowohl finanzielle Mittel als auch Zeit. Die größten Kostenpunkte sind die Arbeitszeit für das Pflanzen der Gehölze sowie die Pflege und das Mulchen der Pflanzen. Auch die Schutzmaßnahmen gegen Wildverbiss dürfen nicht unterschätzt werden und können höhere Investitionen erfordern. Förderprogramme von Bund und Ländern können finanziell unterstützen. Die mögliche Bodenbearbeitung gehört bei Landwirten und Landwirtinnen zur Routine und ist vergleichsweise unaufwändig. Wird die Hecke als Landschaftselement etabliert, geht Wirtschaftsfläche verloren und der Wiederverkaufswert kann gemindert werden. Pflanz- und Pflegeaufwand Die Pflanzung ist arbeitsintensiv, besonders wenn die Fläche vorher vorbereitet werden muss (z. B. durch das Entfernen einer dichten Grasnarbe auf Grünland oder das Auflockern verdichteter Ackerböden). In den ersten Jahren ist eine regelmäßige Kontrolle notwendig: Beikrautdruck, Trockenstress und Fraßschäden durch Wildtiere können das Wachstum beeinträchtigen. Besonders in den ersten 3 - 5 Jahren sollte regelmäßig gemulcht, gegossen und gegebenenfalls nachgepflanzt werden. Standort- und Witterungsrisiken Extreme Witterungsbedingungen wie lange Trockenperioden, Staunässe oder Spätfröste können das Anwachsen der Hecke erschweren. Auf trockenen Standorten sollte daher darauf geachtet werden, trockenheitsresistente Gehölze zu wählen. Staunässe kann durch gezielte Bodenlockerung oder Drainageschichten reduziert werden. Wildverbiss und Beeinträchtigungen durch Landwirtschaft Junge Pflanzen sind besonders anfällig für Verbiss durch Rehe, Hasen und Nagetiere. Ohne Schutzmaßnahmen wie Wuchshüllen oder Dornensträucher als Pufferzone kann es zu starken Ausfällen kommen. Ein weiterer Konfliktpunkt ist die Nähe zu bewirtschafteten Flächen: Beim Mähen oder Spritzen kann es zu unbeabsichtigten Schäden an den Gehölzen kommen. Klare Absprachen mit Bewirtschaftenden und mechanische Schutzmaßnahmen wie Fahrgassen oder Markierungen können helfen, diese Probleme zu vermeiden. Rechtliche und bürokratische Herausforderungen Je nach Standort müssen behördliche Vorgaben beachtet werden. In Schutzgebieten oder an Gewässern gelten besondere Regeln für Pflanzabstände und Gehölzauswahl. Auch Eigentumsverhältnisse und Förderkriterien sollten vorab geprüft werden, um spätere Konflikte zu vermeiden. Trotz dieser Herausforderungen überwiegen langfristig die Vorteile: Eine gut etablierte Hecke erfordert nur noch minimale Pflege, bietet dauerhaft ökologische und wirtschaftliche Vorteile und steigert die Landschaftsqualität nachhaltig. Erfahrungen und Tipps für die Praxis Gehölzauswahl und Standortanpassung Ein häufiger Fehler bei der Heckenpflanzung ist die zu dichte Pflanzung oder die Verwendung von ungeeigneten Pflanzenarten für den jeweiligen Standort. Gerade bei der ersten Pflanzung ist es wichtig, sich die Zeit zu nehmen und die Bodenbeschaffenheit sowie die klimatischen Bedingungen vorab zu prüfen, , s.a. Standortvoraussetzungen. Ein weiterer Fehler ist das Vernachlässigen der Anwuchspflege, s.a. Umsetzung). Mischkulturen für mehr Vielfalt Eine Gehölzhecke aus nur wenigen Arten kann anfälliger für Krankheiten und Schädlinge sein und bietet weniger Lebensräume für Wildtiere. Daher sollte eine ausgewogene Mischung verschiedener Sträucher und Bäume angestrebt werden. Eine größere Artenvielfalt fördert die ökologische Stabilität. Gleichzeitig sichern unterschiedliche Blüh- und Fruchtzeiten ganzjährig Nahrungsquellen für Insekten und Vögel. Vermeidung von häufigen Fehlern Ein häufiger Fehler bei der Heckenpflanzung ist die zu enge Pflanzung oder die Verwendung von ungeeigneten Pflanzenarten für den jeweiligen Standort. Gerade bei der ersten Pflanzung ist es wichtig, sich die Zeit zu nehmen und die Bodenbeschaffenheit sowie die klimatischen Bedingungen vorab zu prüfen, s.a. Standortvoraussetzungen. Ein weiterer Fehler ist das Vernachlässigen der Anwuchspflege: In den ersten Jahren ist es entscheidend, den Heckenpflanzen regelmäßige Pflege zukommen zu lassen (Mulchen, Gießen, Schutz vor Wildverbiss), s.a. Herausforderungen und Aufwand. Zusammenarbeit mit Nachbarn und Kommunen Die Zusammenarbeit mit benachbarten Landwirtinnen und Landwirten oder Kommunen kann sehr hilfreich sein, insbesondere wenn Hecken in einer Reihe oder entlang von Wegen gepflanzt werden. Ein gemeinsamer Pflegeplan oder ein Austausch über Pflegemaßnahmen hilft, Konflikte zu vermeiden und gewährleistet, dass die Hecke langfristig gut funktioniert. Weiterführende Informationen • NNL-Schautafel "Hecken" (Vorlage im NNL-Design als PDF und offene Indesign-Datei) • WWF Deutschland (2026): Pflanzt du noch oder summt es schon? Praktische Tipps zur Auswahl insektenfreundlicher Pflanzen. • Bioland, KÖN, Bio Austria,FiBL (2011): Merkblatt „Hecken planen, pflanzen, pflegen. Eine praktische Anleitung für Landwirte. (abgerufen am 15.10.2025) • Landesanstalt für Umwelt (LfU) (2024): Gebietsheimische Gehölze in Baden-Württemberg. Das richtige Grün am richtigen Ort. (abgerufen am 07.04.2025) • Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) (2021): Hecken und Feldgehölze mit ihren Säumen der Vielfalt (abgerufen am 22.09.25) • Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) (2024): Anlage von Hecken – Anlage von Struktur- und Landschaftspflegelement (KULAP I88) (abgerufen am 22.09.25) • Hansjörg Haas (2023): Das große GU Praxishandbuch Pflanzenschnitt. 2. Auflage. Gräfe und Unzer Verlag. ISBN: 978-3-8338-8963-9 Autor*innen: • Johannes Tschich, BROMMI-Projektmanager Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin • Florian Lauer, BROMMI-Projektmanager Biosphärenreservat Mittelelbe • Alina Schaak, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärengebiet Schwarzwald • Wiltrud Fischer, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärenreservat Rhön
03-Praxisbeispiele Maßnahmen-Umsetzungen
Anlage von Kleinstrukturen: Totholz- und Lesesteinhaufen
Totholz- und Lesesteinhaufen schaffen mit geringem Aufwand wertvolle Lebensräume für zahlreiche Insektenarten. Das folgende Praxisbeispiel zeigt, welchen Nutzen diese Kleinstrukturen auf landwirtschaftlichen und kommunalen Flächen bieten, welche Standortbedingungen wichtig sind und wie Anlage, Pflege und langfristige Entwicklung in der Praxis gelingen können. Zum Inhalt springen: ↓ Zusammenfassung ↓ Mehrwert für den Insektenschutz ↓ Mehrwert für die Landwirtschaft / Kommunen ↓ Standortvoraussetzungen ↓ Umsetzung Totholzhaufen ↓ Umsetzung Lesesteinhaufen ↓ Herausforderungen und Aufwand ↓ Erfahrungen und Tipps für die Praxis ↓ Weiterführende Informationen Zusammenfassung Um einen dauerhaften Lebensraum für die verschiedensten Insekten zu schaffen, reicht es nicht, nur ein vielfältiges Blütenangebot anzubieten. Insbesondere Wildbienen, Wespen und Käfer sind auf ergänzende Strukturen als Nistplätze angewiesen. Diese sind jedoch in der heutigen Kulturlandschaft nur noch selten zu finden. Daher ist es umso wichtiger, neben ausreichendem Nahrungsangebot auch eine Vielzahl an verschiedenen Niststrukturen anzulegen. Nur so können dauerhafte Lebensräume für Insekten entstehen. Stellvertretend für die zahlreichen Möglichkeiten solcher Niststrukturen, möchten wir hier Totholz- und Lesesteinhaufen vorstellen. Eine Vielzahl an Wildbienen, Wespen und Käfer benötigen für ihre Nester Materialien wie abgestorbenes Holz oder Hohlräume zwischen Steinen. Totholz- und Lesesteinhaufen bieten dabei nicht nur Nistmöglichkeiten, sondern sind zudem sichere Überwinterungsquartiere für viele verschiedene Insekten. Zudem bieten die sich in der Sonne schnell aufheizenden Steinhaufen für Schmetterlinge und andere Fluginsekten eine gute Aufwärmmöglichkeit für ihren Start in den Tag. Mit der simplen Aufschüttung von Totholz und Feldsteinen lassen sich auf unkomplizierte Weise neue Lebensräume schaffen. Bei der Anlage gilt: je größer, desto besser. Sind solche Haufen erst einmal angelegt, können sie in den Folgejahren auch immer weiter ergänzt werden. Insbesondere in der Kulturlandschaft bieten solche Kleinstrukturen die Möglichkeit, ungeliebte Feldsteine von den Äckern und anfallenden Gehölzschnitt, z.B. von der Heckenpflege, sinnvoll zu verwenden. Mehrwert für den Insektenschutz Totholzhaufen fungieren als Rückzugsorte für totholzbewohnende Arten wie Käfer, Schwebfliegen oder Wildbienen. Besonders wertvoll sind größere Holzstücke und Hohlräume, die Schutz vor Fressfeinden bieten. Totholz dient einigen Wespenarten wie z.B. der Riesenholzwespe (Urocerus gigas) und vielen xylobionten Käferarten auch als Nahrung. Die Hohlräume von Lesesteinhaufen dienen auch als Unterschlupf für bodenbewohnende Insekten wie Ameisen und Käfer. Ebenso werden sie von Wildbienen, z.B. von seltenen Vertretern der Mörtel- und Mauerbienen genutzt, die zwischen den Steinen ihre freihängenden Nester errichten. Beide Kleinstrukturen bieten zudem Nistplätze und Schutz vor winterlicher Witterung wie auch vor extremer Hitze. Mehrwert für die Landwirtschaft / Kommunen Der Vorteil von Kleinstrukturen für die Umsetzenden liegt vor allem in ihrer Einfachheit. Totholz- und Lesesteinhaufen lassen sich fast überall mit vergleichsweise geringem Arbeitsaufwand errichten. Sie sind daher für die Landwirtschaft, Kommunen und Privatleute ein einfaches und schnelles Mittel bestehende Flächen aufzuwerten und einen wesentlichen Beitrag zum Insektenschutz zu leisten. In der Agrarlandschaft bieten solche Kleinstrukturen den Insekten neue Lebensräume, die sie in Hinblick auf ausreichende Nahrungsressourcen sowie für eine dauerhafte Ansiedlung benötigen. Mit dem damit verbundenen Anstieg der Insektenpopulationen am Ackerrand steigt auch ihr Beitrag zur natürlichen Schädlingsregulierung auf den Feldern. Dadurch kann der Einsatz von Pestiziden verringert werden. Auch Kommunen können von Totholz- und Lesesteinhaufen profitieren: Werden die "Haufen" nicht nur einfach aufgeschichtet, sondern künstlerisch gestaltet, kann dies zu einem attraktiveren Stadtbild beitragen und monotone Grünflächen abwechslungsreicher machen. Zudem wird der Insektenschutz durch solche Kleinstrukturen für Bürgerinnen und Bürger greif- und erlebbarer. Darüber hinaus bietet die Anlage von Totholzhaufen eine gute Möglichkeit, anfallendes Schnittgut aus der Gehölzpflege kostenfrei zu "entsorgen". Standortvoraussetzungen Lesesteinhaufen sollten in sonnenexponierter und windgeschützter Lage errichtet werden. Totholzhaufen funktionieren auch an schattigen Standorten. Beide Strukturen sind geeignet für verschiedenste Landschaftsbereiche wie Gärten, Parks, Weiden, Säume oder Wegränder. Dabei braucht es in unmittelbarer Nähe der Kleinstrukturen vielfältige Blühangebote, weil die Strukturen sonst möglicherweise nur wenig bis gar nicht genutzt werden. Um die Kleinstrukturen vor äußeren Umwelteinflüssen zu schützen, sollten sie von einem unbearbeiteten Pufferstreifen von circa 50 cm umgeben sein. In der Agrarlandschaft - mit Ausnahme von Weiden - ist zudem ein drei Meter breiter Schonstreifen mit Minimalbewirtschaftung bei angrenzenden Nutzungen wünschenswert. Umsetzung Totholzhaufen Für Totholzhaufen kann anfallendes Schnittgut von Laubgehölzen, z.B. von der Heckenpflege, genutzt und auf mindestens 0,5 m Höhe aufgeschichtet werden. Die Integration größerer Holzstücke wie Wurzelstöcke und Baumstümpfe bietet totholzbewohnenden Arten einen wertvollen Lebensraum. Die größeren Stücke sollten beim Aufbau des Haufens zuerst aufgeschichtet werden. Die so entstehenden Hohlräume können dann mit feinerem Astmaterial aufgefüllt werden. Um ein schnelles Zuwachsen zu verhindern, kann vor dem Aufschichten des Totholzhaufens die Humusschicht des Bodens abgetragen werden. Umsetzung Lesesteinhaufen Ähnlich wie bei Totholzhaufen lassen sich Lesesteinhaufen ebenfalls durch eine mindestens 0,5 m hohe Aufschichtung unterschiedlich großer Steine anlegen. Die innenliegenden Hohlräume können bei Bedarf noch mit einem Sandgemisch aufgefüllt werden. Es sollten aber einige Hohlräume erhalten bleiben, da diese vor allem von Wildbienen wie der Matten Natterkopf-Mauerbiene (Osmia anthocopoides) oder der Spaltenwollbiene (Anthidium oblangatum) für den Bau ihrer Nester genutzt werden. Auch bei Lesesteinhaufen bietet sich eine Entfernung des Oberbodens vor der Anlage an, um so ein schnelles Zuwachsen zu verhindern. Bei der Aufschichtung ist für eine ausreichende Stabilität zu sorgen. Gute Bezugsquellen für entsprechende Steine sind ortsansässige Landwirte und lokale Bauhöfe oder Steinbrüche. Herausforderungen und Aufwand Die Anlage von Totholz- und Lesesteinhaufen ist im Vergleich z.B. zu der Anlage eines Blühstreifens simpel und schnell durchführbar. Sie können zudem unabhängig von der Jahreszeit angelegt werden. Herausforderungen Die Anlage von Kleinstrukturen birgt sowohl auf öffentlichen als auch auf landwirtschaftlich genutzten Flächen ein Konfliktpotenzial und ist daher gut abzuwägen und abzustimmen. Auf öffentlichen Flächen sollte ein Standort gewählt werden, der die Nutzung und Pflege der Gesamtfläche nicht beeinträchtigt. Durch Öffentlichkeitsarbeit, etwa mit Info-Schildern (Beispiel aus BROMMI), können die ungewohnten Strukturen und deren ökologischer Wert erläutert werden. Auf landwirtschaftlichen Flächen ist zu beachten, dass die Kleinstrukturen aus der Bruttofläche herausgerechnet werden. Aufwand Der Aufwand für die Anlage von Totholz- und Lesesteinhaufen hängt von Faktoren wie der verfügbaren Fläche, den örtlichen Gegebenheiten und den benötigten Materialien ab. Der höchste zeitliche und körperliche Aufwand für die Anlage der Kleinstrukturen liegt beim Zusammentragen des Schnittguts und der Steine bzw. der Beschaffung dieser Materialien sowie dem Transport zum Standort. In sehr steilen Lagen, wie beispielsweise in Baden-Württemberg, kann der Transport zum Umsetzungsort herausfordernd sein und sollte bei der Planung berücksichtigt werden. Auch kann die Vorbereitung der Fläche einen höheren Aufwand erfordern, wenn zunächst die Vegetation und die Humusschicht entfernt werden muss. Pflege und Aufwertung Die Pflege der Kleinstrukturen ist verhältnismäßig überschaubar. In der Regel reicht es, die Strukturen alle zwei Jahre von beschattendem Bewuchs zu befreien. Insbesondere Totholzhaufen sollten nach einigen Jahren komplett erneuert oder zumindest neu aufgeschichtet werden. Es ist auch möglich, die Kleinstrukturen jährlich zu erweitern, indem neue Steine oder Totholz auf die vorhandenen Anhäufungen gelegt werden. Insbesondere im städtischen Umfeld lassen sich die eher unscheinbaren Strukturen noch ästhetisch aufwerten. So können Tot- und Lesesteinhaufen beispielsweise in organischen oder künstlerischen Formen geschichtet werden, und damit auch einen gestalterischen Zusatznutzen entfalten. Erfahrungen und Tipps für die Praxis Nadelhölzer sind für nur wenige Arten geeignet und sollten daher nur einen kleinen Teil des Totholzhaufens ausmachen oder als separater Haufen angelegt werden. Außerdem ist insbesondere bei Nadelgehölz auf den Befall mit Borkenkäfern zu achten. Befallenes Holz ist nicht geeignet. Um den Pflegeaufwand gering zu halten, empfiehlt es sich auf austreibende Gehölze wie z.B. Weide zu verzichten und Standorte mit hohem Dornenbewuchs zu meiden. Lesesteinhaufen können auch dazu genutzt werden, Bereiche wie Solitärbäume von der Nutzungsfläche in der Agrarlandschaft abzutrennen und Beschädigungen zu vermeiden. Der Abstand zum Stamm sollte aber mindestens einen Meter betragen. In der Agrarlandschaft gelten Lesesteinhaufen ab einer Länge von fünf Metern als Landschaftselement und dürfen dann nicht mehr entfernt werden. Weiterführende Informationen • Gottwald F. & Stein-Bachinger K. (2016):Landwirtschaft für Artenvielfalt – Ein Naturschutzmodul für ökologisch bewirtschaftete Betriebe. 2. Auflage, S. 164 & 168 (abgerufen am 30.04.2025) • Stommel, C., Becker, N., Muchow, T. & Schmelzer, M. (2018). Maßnahmen- und Artensteckbriefe zur Förderung der Vielfalt typischer Arten und Lebensräume der Agrarlandschaft. Abschlussbericht zum DBU-Projekt 91017/19, S. 233 & S. 312 (abgerufen am 30.04.2025) • Gawlik & Zippel (2019) Naturschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft – Aktueller Überblick über Maßnahmen aus dem Verbund-Projekt „Lebendige Agrarlandschaften – Landwirte gestalten Vielfalt!“, Deutscher Bauernverband e.V., S.14 & S. 28 (abgerufen am 30.04.2025) • Infoschild zu Lesesteinhaufen: Beispielschild aus dem BROMMI-Projekt • Handreichung Totholz- und Lesesteinhaufen - Kleinstrukturen für Insekten, BROMMI-Projekt Autor*innen: • Dr. Josephine Kuczyk, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärenreservat Schaalsee • Florian Lauer, BROMMI-Projektmanager Biosphärenreservat Mittelelbe • Alina Schaak, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärengebiet Schwarzwald
03-Praxisbeispiele Maßnahmen-Umsetzungen
Anlage von Kleinstrukturen: Erdanrisse und Sandarien
Erdanrisse und Sandarien schaffen wertvolle Lebensräume für Wildbienen, Wespen und Käfer. Dieses Praxisbeispiel zeigt, warum offene Bodenstrukturen für viele Insekten überlebenswichtig sind, welche Vorteile sie für Landwirtschaft und Kommunen bieten und wie sie sich mit wenig Aufwand umsetzen lassen. Zum Inhalt springen: ↓ Zusammenfassung ↓ Mehrwert für den Insektenschutz ↓ Mehrwert für die Landwirtschaft / Kommunen ↓ Standortvoraussetzungen ↓ Umsetzung Erdanriss ↓ Umsetzung Sandarium ↓ Herausforderungen und Aufwand ↓ Erfahrungen und Tipps für die Praxis ↓ Weiterführende Informationen Zusammenfassung Um einen dauerhaften Lebensraum für die verschiedensten Insekten zu schaffen, reicht es nicht, nur ein vielfältiges Blütenangebot anzubieten. Insbesondere Wildbienen, Wespen und Käfer sind auf ergänzende Strukturen als Nistplätze angewiesen. Diese sind jedoch in der heutigen Kulturlandschaft nur noch selten zu finden. Daher ist es umso wichtiger, neben ausreichendem Nahrungsangebot auch eine Vielzahl an verschiedenen Niststrukturen anzulegen. Nur so können dauerhafte Lebensräume für Insekten entstehen. Stellvertretend für die zahlreichen Möglichkeiten solcher Niststrukturen möchten wir hier Erdanrisse und Sandarien vorstellen. Für rund zwei Drittel aller nestbauenden Wildbienen sowie zahlreiche Wespen- und Käferarten ist der ungehinderte Zugang zum Boden essenziell, denn hier legen sie ihre Nester an. Daher gilt: jede Art von offenem Boden ist eine wertvolle Ergänzung. Durch die Anlage von Erdanrissen und Sandarien können für diese Arten neue Nistmöglichkeiten geschaffen werden. Für den Bau eines Sandariums muss in der Regel fremdes Bodensubstrat beschafft und eingebracht werden. Daher eignen sich Sandarien vor allem für kommunale Flächen oder private Grundstücke. Erdanrisse sind hingegen insbesondere außerhalb von Siedlungen vorteilhaft für die Aufwertung bestehender Lebensräume, weil sie dort mit vorhandenem Bodenmaterial angelegt werden können. Mehrwert für den Insektenschutz Offener Boden, in welcher Form auch immer, ist ein oftmals unterschätzter Lebensraum für Insekten. Denn obwohl dort nichts wächst, dient er vielen Wildbienen, Wespen und Käfern als Brutstätte für die nächste Generation. Zwei Drittel aller Wildbienen und viele nützliche Solitärwespen, die selbstständig Nester bauen, tun dies im Boden. Sie nutzen die schnelle Aufwärmung des offenen Bodens als „Heizung“ für ihren Nachwuchs, damit dieser sich in den einzelnen Zellen der Nistgänge vollständig entwickeln kann. Dabei können die spezifischen Ansprüche an Bodenbeschaffenheit, Korngröße, Feuchte u.v.m. je nach Art sehr unterschiedlich sein und oftmals ist der exakte Bedarf noch nicht vollumfänglich bekannt. Bekannt hingegen ist, dass besonders Wildbienen sowohl senkrechte als auch horizontale Offenbereiche besiedeln. Eine Kombination aus verschiedenen Neigungen an einem Standort fördert somit mehr Arten als die Anlage von nur einer Gestaltungsform. Doch nicht nur als Nistplatz ist offener Boden für Insekten wichtig. Räuberische Arten wie z.B. die Larven der Gemeinen Ameisenjungfer (Myrmeleon formicarius) oder der Sandlaufkäfer (Cicindela spec.) nutzen offenen, sandigen Boden, um dort auf Beute zu lauern. Insbesondere in der Agrarlandschaft sind Erdanrisse wertvolle Ergänzungen. Sowohl im Acker, z.B. an Blühstreifen, als auch in artenreichem Grünland können diese Strukturen den Lebensraum für Insekten deutlich aufwerten. Mehrwert für die Landwirtschaft / Kommunen Der Vorteil von Erdanrissen oder Sandarien liegt für die Umsetzenden vor allem in ihrer Einfachheit. Mit nur wenigen Handgriffen lassen sich solche Strukturen auf bestehenden Flächen errichten. Zudem sind nur wenige Arbeitsgeräte dafür notwendig. So kann die Anlage von Erdanrissen und/oder Sandarien leichter in den Arbeitsalltag eingebaut werden als z.B. die Anlage von Hecken oder Blühstreifen. In der Agrarlandschaft bieten solche Kleinstrukturen den Insekten neue Lebensräume, die sie in Hinblick auf ausreichende Nahrungsressourcen sowie für eine dauerhafte Ansiedlung benötigen. Mit dem damit verbundenen Anstieg der Insektenpopulationen am Ackerrand steigt auch ihr Beitrag zur natürlichen Schädlingsregulierung auf den Feldern. Dadurch kann der Einsatz von Pestiziden verringert werden. Auch Kommunen können von Erdanrissen und Sandarien profitieren: Insbesondere Sandarien lassen sich bei der Anlage "künstlerisch" aufwerten, indem sie z.B. in Form organischer Strukturen gebaut oder mit anderen Elementen versehen werden. Dies trägt zu einem attraktiveren Stadtbild bei und macht monotone Grünflächen abwechslungsreicher. Zudem wird der Insektenschutz durch solche Kleinstrukturen für Bürgerinnen und Bürger greif- und erlebbarer. Standortvoraussetzungen Kleinstrukturen wie Sandarien oder Erdanrisse sollten in sonnenexponierter und windgeschützter Lage angelegt werden, um Insekten als Rückzugsraum und Nistplatz dienen zu können. Vielfältige Blühstrukturen müssen in unmittelbarer Nähe der Kleinstrukturen unbedingt vorhanden sein, da es ansonsten vorkommen kann, dass die Strukturen nur wenig bis gar nicht genutzt werden. Um die Kleinstrukturen vor äußeren Umwelteinflüssen zu schützen, sollten sie von einem unbearbeiteten Pufferstreifen von 50 cm umgeben sein. In der Agrarlandschaft ist zudem ein drei Meter breiter Schonstreifen mit Minimalbewirtschaftung bei angrenzenden Nutzungen wünschenswert. Umsetzung Erdanriss Bevor man einen Erdanriss anlegt, sollte man sich über die Bodenbeschaffenheit informieren. Auch wenn die Ansprüche von Insekten an Offenboden-Nistplätze noch nicht vollends untersucht sind, werden vor allem sandige bis schwach lehmige Böden bevorzugt besiedelt. In zu lehmige Böden gelingt es den meisten Wildbienen und Wespen nicht, sich in das Material hinein zu graben. Ist der Standort gewählt, gilt es die Ausrichtung des Anrisses festzulegen. Hierbei ist wichtig, dass der Boden mindestens die Hälfte des Tages von der Sonne beschienen wird. Horizontaler Erdanriss Bei einem horizontalen Erdanriss wird der Oberboden mit geeignetem Gerät (z.B. Radlader mit Schaufel) abgetragen; mindestens 10 cm tief bzw. so tief, bis der mineralische Unterboden sichtbar wird. Ein horizontaler Erdanriss sollte, damit er von den Insekten als Nisthabitat erkannt werden kann, idealerweise eine Größe von vier Quadratmetern aufweisen. Kleinere Ausmaße sind insbesondere auf kommunalen Flächen ebenfalls möglich. Das ausgehobene Material kann um den Erdanriss verteilt, glattgezogen oder aufgehäuft werden. Damit ist die Anlage eines einfachen horizontalen Erdanrisses auch schon beendet. Wer mag, kann um den Anriss noch Steine oder Holz legen, um ein zu schnelles Zuwachsen zu verhindern. Wenn mehr als ein Drittel der Fläche zugewachsen ist, muss der Bewuchs entfernt werden. Ansonsten erkennen vor allem Wildbienen den Erdanriss nicht mehr als mögliches Nisthabitat. Besser als die Entfernung des Bewuchses ist allerdings, einen neuen Erdanriss in unmittelbarer Nähe anzulegen und den alten zuwachsen zu lassen. Dadurch sind die im alten Anriss liegenden Nistgänge geschützt und die neu schlüpfenden Insekten können ihrerseits Nester im benachbarten, neuen Erdanriss anlegen. Senkrechter Erdanriss Bei der Anlage eines senkrechten Erdanrisses hängt die Vorgehensweise von der natürlichen Bodenneigung ab. Soll eine bereits bestehende Geländekante freigelegt werden, ist der Oberboden ähnlich wie beim horizontalen Erdanriss mit geeignetem Gerät abzutragen. Auch hier richtet sich die Arbeitstiefe nach der Mächtigkeit des Oberbodens. Ist das Gelände nur leicht geneigt, entsteht ein senkrechter Erdanriss durch eine tiefere Abgrabung des Bodens. Zu Beginn wird ein Loch gegraben, welches anschließend erweitert wird. Dazu wird zunächst an der entstehenden Steilwand weiteres Material abgetragen, welches anschließend nach hinten weggezogen wird. Der anfallende Aushub kann oberhalb der Erdanrisskante aufgeschichtet und leicht verdichtet werden. Dieser Vorgang wird so oft wiederholt, bis die gewünschte Größe des senkrechten Erdanrisses erreicht ist. Die Höhe des Anrisses sollte mindestens einen Meter betragen. Eine leicht ovale Gestaltung kann zudem an der Struktur ein eigenes Mikroklima erschaffen, welches sich positiv auf die Wärmespeicherkapazität des Erdanrisses auswirkt. Senkrechte Erdanrisse wachsen in der Regel nicht so stark zu, wie horizontale Erdanrisse. Verdeckt der Bewuchs mehr als ein Drittel der Fläche, dürfen die Pflanzen jedoch nicht einfach entfernt werden, da sonst vorhandene Nistgänge und die darin befindliche Brut zerstört werden könnten. Es empfiehlt sich in diesem Fall, die Pflanzen z.B. mit einem Freischneider abzumähen oder bei stetig wiederkehrendem Bewuchs einen neuen Erdanriss anzulegen, am besten in unmittelbarer Nähe zum alten. Umsetzung Sandarium Im Gegensatz zum Erdanriss, bei dem natürlich vorkommendes Material für die Anlage genutzt wird, ist für den Bau eines Sandariums das Einbringen von Fremdmaterial notwendig. Als Material eignet sich ungewaschener Sand oder ein Sand-Lehm- bzw. Sand-Erde-Gemisch im Verhältnis 3:1. Dabei sollte regionales Material verwendet werden, um kein Fremdsubstrat in die Landschaft einzutragen und die Transportkosten zu minimieren. Gute Bezugsquellen sind örtliche Kiesgruben und Bauhöfe. Wichtig ist, dass das verwendete Material eine ausreichende Bindigkeit hat. Dies lässt sich leicht überprüfen, in dem das feuchte Material fest in der Hand zusammengepresst und der so entstandenen Klumpen anschließend mit dem Finger auseinander gedrückt wird. Zerfällt er mit moderatem Kraftaufwand, eignet sich das Material für den Bau eines Sandariums. Zerfällt das Material hingegen bei der kleinsten Berührung oder nur unter großen Anstrengungen, stimmt der Lehmanteil nicht und das Material ist ungeeignet. Zu lockeres oder zu festes Material kann eine spätere Besiedlung des Sandariums behindern, da die Nistgänge entweder zu instabil im lockeren Sand sind oder die Wildbienen gar nicht erst in das Material hineinkommen. Das Wesentliche bei der Anlage eines Sandariums ist eine schichtweise Verdichtung. Ein Teil des Sandgemisches wird zu Beginn aufgeschüttet und anschließend direkt verdichtet (mit der Hand oder Spaten etc.). Nun folgt die nächste Schicht Material und auch diese wird sofort wieder verdichtet usw. Nur durch diese aufwändigere Verdichtung der einzelnen Schichten wird eine Festigkeit erreicht, die die Wildbienen für den erfolgreichen Bau ihrer Nistgänge benötigen. Insgesamt sollte das Sandarium mindestens 40 cm hoch sein, um ausreichend tiefe Nistgänge zu gewährleisten. Die Dicke der Schichten kann individuell und entsprechend der finalen Höhe des gesamten Baus festgelegt werden. Zusätzlich können Steine und/oder Holz in das Sandarium mit eingebaut werden. Eine Einfassung aus diesen Materialien verhindert zudem, dass das Sandgemisch bei Starkregen zu sehr auseinander geschwemmt wird. In der Gestaltung des Sandariums sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Ähnlich wie bei den Erdanrissen ist auch die Oberfläche des Sandariums möglichst von Bewuchs freizuhalten. Um die vorhandenen Nistgänge nicht zu zerstören, können die oberflächlichen Pflanzenteile auch abgebrannt werden (Unkrautbrenner). So bleibt die Bodenstruktur erhalten und die Fläche offen. Herausforderungen und Aufwand Die Anlage von Erdanrissen und Co ist im Vergleich z.B. zu der Anlage eines Blühstreifens simpel und schnell durchführbar. Sie können zudem unabhängig von der Jahreszeit angelegt werden. Lediglich der Wiesenbrüterschutz ist bei der Anlage von z.B. Erdanrissen im Grünland zu beachten. Herausforderungen Die Herausforderungen bei der Anlage von Erdanrissen und Sandarien sind sehr unterschiedlich. Bei Erdanrissen kann vor allem das Fehlen geeigneter Technik Probleme bei der Umsetzung bereiten, da eine Anlage per Hand deutlich zeitaufwändiger ist. Bei Sandarien entscheidet vor allem das verwendete Material über das Gelingen der Maßnahme. Zudem muss das Sandgemisch erst an den geplanten Standort gebracht werden, was insbesondere bei kleineren Mengen (für kleine Sandarien) schnell ins Geld gehen kann. Aufwand Der Aufwand für die Anlage von Erdanrissen und Sandarien richtet sich in erster Linie nach den Vorstellungen des Gestalters. Erdanrisse lassen sich mit geeigneter Technik in wenigen Minuten anlegen. Beim Sandarium richtet sich der Aufwand vor allem nach dem Transportweg für die benötigten Materialien und der Art der Gestaltung. Je komplexer das Endergebnis sein soll, desto mehr Zeit und Material ist für die Umsetzung nötig. Belässt man es bei der einfachsten Ausführung sind beide Strukturen schnell angelegt. Im direkten Vergleich ist das Abschieben des Oberbodens bei Erdanrissen noch einmal deutlich einfacher und schneller umgesetzt als die schichtweise Verdichtung des Sandariums. Pflege und Aufwertung Auch die Pflege der Kleinstrukturen ist verhältnismäßig überschaubar. In der Regel reicht es, die Strukturen alle zwei Jahre von Bewuchs freizuhalten. Insbesondere im städtischen Umfeld lassen sich die eher unscheinbaren Strukturen noch ästhetisch aufwerten. So können in Sandarien beispielsweise einzelne Stauden angepflanzt, „dekorative“ Totholzelemente oder Steine eingebracht werden. Erfahrungen und Tipps für die Praxis Je nachdem, an welchem Standort der Erdanriss oder das Sandarium anlegt werden soll, kann es einige Jahre dauern, bis diese von den Insekten ausfindig gemacht werden. Indem der Standort der Kleinstrukturen so ausgewählt wird, dass in unmittelbarer Umgebung ausreichend Nahrung in Form von blühenden Pflanzen vorhanden ist, kann der Besiedlungserfolg deutlich gesteigert werden. Bei senkrechten Erdanrissen kann es durch Witterungseinflüsse oder zu neugierige Nutz- bzw. Wildtiere dazu kommen, dass ein Teil der Steilwand abrutscht. Dieses vermeintliche Desaster ist tatsächlich sogar sehr hilfreich, da es innerhalb des Erdanrisses noch einmal die Vielfalt an angebotenen Strukturen erhöht – sei es die stehen gebliebene Wand, die Abbruchkante selbst oder das herabgefallene Material am Fuß des Anrisses. All diese Strukturen sind für unterschiedlichste Wildbienen- und Wespen-Arten attraktiv. Somit erhöht sich nach so einem „Unfall“ sogar noch die Artenvielfalt am Erdanriss. Lassen Sie der Natur also ihren Lauf. Nicht nur bei Sandarien spielt das Material eine entscheidende Rolle. Auch für Erdanrisse kann es ungeeignete Böden geben. Insbesondere stark lehmige Böden eignen sich nicht sehr gut für die Anlage. Der offengelegte Lehm trocknet an der Luft schnell aus und wird dadurch so hart, dass Wildbienen und Wespen mit ihren kleinen Mundwerkzeugen nicht mehr in der Lage sind, Löcher hinein zu graben. Um solche Ausfälle zu vermeiden, sollte daher vor der Anlage eines Erdanrisses immer die Beschaffenheit des Bodens überprüft werden. Weiterführende Informationen • Gottwald F. & Stein-Bachinger K. (2016): Landwirtschaft für Artenvielfalt – Ein Naturschutzmodul für ökologisch bewirtschaftete Betriebe. 2. Auflage, S. 164 & 168 (abgerufen am 30.04.2025) • Stommel, C., Becker, N., Muchow, T. & Schmelzer, M. (2018). Maßnahmen- und Artensteckbriefe zur Förderung der Vielfalt typischer Arten und Lebensräume der Agrarlandschaft. Abschlussbericht zum DBU-Projekt 91017/19, S. 233 & S. 312 (abgerufen am 30.04.2025) • Gawlik & Zippel (2019): Naturschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft – Aktueller Überblick über Maßnahmen aus dem Verbund-Projekt „Lebendige Agrarlandschaften – Landwirte gestalten Vielfalt!“, Deutscher Bauernverband e.V., S.14 & S. 28 (abgerufen am 30.04.2025) • wildBee (2017): Merkblatt erdnistender Wildbienen (abgerufen am 30.04.2025) • BROMMI-Informationsschild Sandarium, Beispiel aus dem Biosphärenreservat Schaalsee • Handreichung Erdanrisse und Sandarien - Kleinstrukturen für Insekten, BROMMI-Projekt Autor*innen: • Dr. Josephine Kuczyk, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärenreservat Schaalsee • Florian Lauer, BROMMI-Projektmanager Biosphärenreservat Mittelelbe • Alina Schaak, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärengebiet Schwarzwald
03-Praxisbeispiele Maßnahmen-Umsetzungen
Getreide in weiter Reihe mit blühender Untersaat
Dieses Praxisbeispiel zeigt, wie Getreide in weiter Reihe mit artenreicher Untersaat die Biodiversität fördert, welche Chancen sich für Bodenfruchtbarkeit und Schädlingsregulierung bieten und worauf es bei der praktischen Umsetzung ankommt. Zum Inhalt springen: ↓ Zusammenfassung ↓ Mehrwert für den Insektenschutz ↓ Mehrwert für die Landwirtschaft ↓ Standortvoraussetzungen ↓ Umsetzung ↓ Herausforderungen und Aufwand ↓ Erfahrungen und Tipps für die Praxis ↓ Erkenntnisse aus der Forschung ↓ Weiterführende Informationen Zusammenfassung Der Anbau von Getreide in weiter Reihe mit einer blühenden Untersaat kann die Pflanzenvielfalt und das Blütenangebot in Getreidefeldern deutlich erhöhen. Insbesondere blütenbesuchende Insekten finden so in den sonst nahrungsarmen Getreidefeldern Lebensraum. Die Untersaat ist niedrigwüchsig und behindert idealerweise das Wachstum und die Ernte des Getreides nicht. Nach der Ernte des Getreides kann die Untersaat als diversifiziertes Kleegras auf dem Feld verbleiben und bietet Insekten sowie Hasen, Rebhühnern und weiteren Wildtieren ein Winterhabitat. Damit sind Untersaaten eine produktionsintegrierte Maßnahme. Landwirte schaffen parallel zum Anbau von Getreide Nahrungsquellen für blütenbesuchende Insekten. Erntemenge und Qualität können sich durch die Untersaat je nach Witterung verbessern oder verringern, wie Erfahrungen aus Projekten zeigen. In die untenstehende Maßnahmenbeschreibung sind Erkenntnisse aus einem deutschlandweiten Modellvorhaben (IFAB und KTBL 2024) sowie Erfahrungen von Landwirtinnen und Landwirten aus den Biosphärenreservaten Rhön und Schaalsee im Projekt BROMMI eingeflossen. Mehrwert für den Insektenschutz Der Getreideanbau in weiter Reihe mit einer artenreichen Untersaat steigert das Nektar- und Pollenangebot in den Feldern. Dazu tragen die Blüten der Untersaat sowie eine vermehrte Blütenbildung von Beikräutern durch die weite Reihe bei. Eine artenreiche Untersaat lässt bei einer Saatstärke von 10 kg/ha genug Raum für unproblematische Beikräuter wie Taubnessel und Ehrenpreis. Die Arten der Untersaat werden so gewählt, dass unterschiedliche Blühzeitpunkte ein Nahrungsangebot für eine Vielzahl an Insekten zwischen April und November ermöglichen. Auf großen Schlägen können Streifen mit Untersaaten eine Brücke für Insekten zwischen naturnahen Strukturen bilden und so Lebensräume vernetzen. Viele Nützlinge sind auf Nektar und Pollen angewiesen und können durch das Nahrungsangebot besser zur Schädlingskontrolle im Getreide beitragen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Untersaaten im Getreide maßgeblich die Zahl der Insekten erhöhen. So kann z.B. die Anzahl der im Feld aktiven Laufkäfer, die wichtige Blattlausräuber sind, gesteigert werden. Mit dem verminderten Blattlausbefall wird die Wahrscheinlichkeit einer Insektizidanwendung, die auch viele unproblematische oder nützliche Insekten tötet, verringert (s. auch Abschnitt Erkenntnisse aus der Forschung). Mehrwert für die Landwirtschaft Auf den Getreideflächen erfolgt nach der Aussaat der artenreichen Untersaat keine Beikrautregulierung oder Düngung. Die Betriebe sparen damit Arbeitszeit, Pflanzenschutz- und Düngemittel, sowie Diesel und Maschinenkosten. Dem steht die eingeschränkte Regulierung von problematischen Beikräutern gegenüber. Für die Erntemenge und Qualität zeigen Erfahrungen aus dem BROMMI-Projekt (2023-2024) Potential für unverminderte Getreideerträge bei besserer Qualität ebenso wie das Risiko von Ertrags- und Qualitätseinbußen (s. auch Abschnitt Herausforderungen und Aufwand). Durch den hohen Leguminosenanteil verbessert die Blühmischung der Untersaat die Bodenfruchtbarkeit. Die Bodenbedeckung trägt darüber hinaus zum Erosionsschutz bei. Die Erfahrungen zeigen einen positiven Vorfruchtwert für die Folgekulturen. Damit stehen den möglichen Ernteverlusten die positiven Effekte für die Biodiversität (s. auch Abschnitt Mehrwert für den Insektenschutz), sowie die verbesserte Bodenstruktur und -fruchtbarkeit gegenüber. Fazit: Das Blühsaat-Getreide kann als produktionsintegrierte und biodiversitätssteigernde Anbauform etabliert werden. Ein Ausgleich der Ertragsrisiken sollte über staatliche Förderprogramme erfolgen. Eine Förderung von Untersaaten würde für konventionelle Betriebe Anreize schaffen, Erfahrungen im Anbau von Getreide ohne chemisch-synthetischen Pflanzenschutz zu sammeln. Für ökologische Betriebe kann die Ansaat einer leguminosenreichen Mischung als Untersaat die Etablierung von Kleegrasbeständen bei eher trockenen Spätsommern erleichtern. Dabei können Landwirte teilweise auf die Erfahrungen bei der Kleegrasansaat über Untersaaten aufbauen. Standortvoraussetzungen Geeignet sind alle Flächen oder Teilflächen, auf denen kein starker Druck durch problematische Beikräuter, insbesondere Wurzelbeikräuter, besteht. Teilflächen mit problematischen Arten sollten nicht in die Maßnahme einbezogen werden, da nach Aussaat der Untersaat keine Beikrautregulierung auf den Flächen mehr zulässig und möglich ist. Flächen mit geringer Bodenfruchtbarkeit sollten dagegen vorzugsweise als Lichtäcker in weiter Reihe ohne Untersaat bewirtschaftet werden, da sie so ein höheres Potenzial für die Biodiversität mit seltenen standorttypischen Arten an Ackerwildkräutern aufweisen. Umsetzung Bodenvorbereitung und Düngung Vor der Getreideaussaat wird eine Beikrautregulierung z.B. durch ein „falsches Saatbett“ empfohlen. Flächen mit erfahrungsgemäß hohem Beikrautdruck sind für diese Anbauform ungeeignet. Wichtig ist zudem eine reduzierte Düngung auf den Maßnahmenflächen, da ein hoher Nährstoffgehalt das Aufkommen von problematischen Beikräutern (Kamille, Kletten, Gänsefuß) fördert. Aussaat-Zeitpunkt und -Praxis Um der Untersaat genug Raum und Licht zu geben, ist ein Reihenabstand von mindestens 30 cm nötig. Bei einem betrieblichen Reihenabstand von 11 cm oder 12,5 cm sollte daher eine doppelreihige Aussaat erfolgen, bei der jeweils zwei nebeneinanderliegende Schare geöffnet und zwei geschlossen sind, um zwischen den Doppelreihen auf einen Abstand von 33 cm oder 37,5 cm zu kommen. Die Saatstärke des Getreides wird dabei auf 70 % der betriebsüblichen Saatstärke reduziert. Die Aussaat der Untersaat kann sowohl im Herbst zu Wintergetreide als auch im Frühjahr zu Winter- oder Sommergetreide erfolgen. Wintergetreide: Im Herbst sollte die Untersaat zeitnah nach der Aussaat der Kultur bis Ende September erfolgen. Erfolgt die Aussaat im Wintergetreide zu spät, kann diese sich vor den ersten Frösten nicht ausreichend etablieren und nimmt Schaden. Im Frühjahr kann die Aussaat auch zum Beginn der Bestockung umgesetzt werden, so dass durch das Einstriegeln und Anwalzen zugleich die Getreidebestockung angeregt wird. Hier wurden gute Erfahrungen mit einem Nachsaatstriegel gemacht. Die Frühjahrseinsaat in Wintergetreide ist nur erfolgreich, wenn genügend Wasser verfügbar ist. Bei einer Aussaat der Untersaat im Frühjahr in das Wintergetreide besteht das Risiko, dass die Kulturfrucht einen zu großen Wachstumsvorsprung hat und der Untersaat das notwendige Licht nimmt. Sommergetreide: Die besten Ergebnisse wurden erfahrungsgemäß bei einer gleichzeitigen oder zeitnahen Aussaat von Kultur und Untersaat erzielt. Auch hier wird die Untersaat meist durch Einstriegeln und Anwalzen ausgebracht. Die Frühjahrsaussaat erfordert eine ausreichende Wasserverfügbarkeit damit die Untersaat aufläuft. In der Sommergerste ist es möglich, die Untersaat gemeinsam mit der Gerste flach einzudrillen (bei reduzierter Ansaatstärke des Getreides). Viele Arten der Untersaat sind Lichtkeimer. Die Saat darf daher nur oberflächlich abgelegt oder eingebracht werden. Zur Verbesserung des Feldaufgangs sollte die Untersaat Bodenschluss durch Anwalzen oder zeitnahen Niederschlag erhalten. Saatmischung Für die Mischung der Untersaaten kann auf vorliegende Empfehlungen zurückgegriffen werden (siehe Kapitel Erfahrungen und Tipps für die Praxis). Im BROMMI-Projekt wurden besonders nützlingsfördernde Arten selektiert und zum Zweck der Bodenverbesserung mit Leguminosen sowie Spitzwegerich (mit einem Gewichtsanteil von 45 %) kombiniert. Spitzwegerich verbessert die Nitratspeicherung im Boden und erhöht damit den Vorfruchtwert von Leguminosen. Anschlussnutzung Die Untersaat sollte aus Sicht der Insektenförderung möglichst lange im Herbst stehen bleiben. Meist ist eine Nutzung des Aufwuchses noch vor einem Herbstumbruch möglich. Besonders günstig ist es, wenn die Untersaat als Winterzwischenfrucht bestehen bleibt. Betriebe mit Kleegras in der Fruchtfolge können direkt einen Kleegrasbestand anschließen. Dazu können ggf. Klee oder Luzerne im Herbst in den Bestand nachgesät werden. Herausforderungen und Aufwand Das Getreide reagiert auf das Raumangebot in weiter Reihe mit einer stärkeren Bestockung. Dadurch wirkt sich die Reduzierung der Saatstärke nur mäßig ertragsreduzierend auf die Ernte aus. In eigenen Untersuchungen in BROMMI (2023-2024) auf sechs Sommergetreideschlägen, führte die weite Reihe mit Untersaat im Mittel zu 4 % Ertragseinbußen (Spannweite +20 % bis –14 %). Im trockenen Jahr 2023 stiegen die Erträge und Eiweißgehalte durch die Untersaat leicht, im nasskalten Jahr 2024 wurden Erträge und Eiweißgehalte leicht negativ beeinflusst. In Jahren mit feuchten Erntebedingungen können zusätzliche Einbußen entstehen, wenn ein hohes Wachstum der Untersaat die Ernte erschwert und eine höhere Kornfeuchte einen Mehraufwand verursacht. Folgenden Risiken sollte vorgebeugt werden: Eine Aussaat der Untersaat spät im Herbst (nach Ende September) kann dazu führen, dass die noch nicht ausreichend winterharten jungen Pflanzen abfrieren. Flächen bei denen problematische Beikräuter bekannt sind (Kamille, Ackerfuchsschwanz, Klettenlabkraut etc.), sind nicht für die Maßnahme geeignet. Problematische Teilbereiche sollten ausgespart werden. Herbizide schädigen die Untersaat und dürfen während der Vegetationsperiode auf den Flächen nicht zur Anwendung kommen. Bei der Auswahl des Getreides sollte zu robusten langstrohigen Sorten gegriffen werden. Bei unsicherem Gelingen kann eine Anlage als Streifen oder Teilfläche das Risiko streuen. Erfahrungen und Tipps für die Praxis Empfehlungen zur Aussaatmischung In BROMMI (Untersuchungen in 2023 und 2024) zeigten sich Kresse, Leindotter, Dill und Öllein als relativ zuverlässig zu etablierende nützlingsfördernde Arten, die bereits in den für die Schädlingsregulierung wichtigen Monaten Mai bis Juli zur Blüte kamen (siehe Tabelle 1). Die weiteren Arten zeigten jeweils an einzelnen Standorten gute Effekte. Die genaue Artzusammensetzung muss in der Regel an die Saatgutverfügbarkeit angepasst werden. Tabelle 1: Etablierungserfolg der ausgesäten Artenmischung in BROMMI auf sechs Schlägen mit Sommergerste, Sommerhafer und Sommerweizen (2023-2024) In den ökologisch bewirtschafteten Sommergetreidefeldern in BROMMI ergänzte der Effekt der blühenden Untersaat das Blütenangebot aus Beikräutern. Je Schlag blühten zu einzelnen Terminen von Mai bis Juli meist 2-3 Beikraut-Arten und 1-2 Untersaat-Arten. Im Mittel steigerte die Maßnahme das Angebot blühender Pflanzenarten um 29 % und die Blütenmenge um 43 % (nur 2024 erfasst, 3 Schläge). Über den Zeitraum des Getreidewachstums wurde so ein gleichmäßigeres und vielfältigeres Blühangebot geschaffen. Für die Mischung der Untersaaten kann auch auf die Empfehlungen des Projektes „Weite-Reihe-Getreide mit blühender Untersaat“ zurückgegriffen werden (s. Tabelle 2). Hier finden sich weitere Praxiserfahrungen. Zu beachten ist bei der Saatgutzusammenstellung: Bei Wildarten sollte Regiosaatgut verwendet werden um eine Beeinträchtigung von Wildpflanzen der gleichen Art in der Umgebung zu vermeiden. Im Bio-Anbau ist zertifiziertes Saatgut oder eine mit der Kontrollstelle abgesprochene Ausnahmeregelung erforderlich. Für Biobetriebe hat sich daher eine Auswahl mit Kulturarten als einfacher umsetzbar erwiesen. Tabelle 2: Zusammensetzung einer artenreichen Untersaat. Tabelle angepasst aus der Broschüre IFAB & KTBL (2024), Seite 8. Erkenntnisse aus der Forschung Ergebnisse eines Modell- und Demonstrationsvorhabens zu Untersaaten in Sommergerste und Winterweizen (IFAB und KTBL 2024) zeigen, dass in 90 % der untersuchten Schläge die Artenvielfalt der fliegenden und auf der Blattoberfläche sitzenden Insekten (erhoben durch Kescherfänge) durch weite Reihe mit Untersaat gesteigert wurde. Im Mittel wurden 25 % bis 51 % mehr Gliederfüßergruppen gefunden. In eigenen zweijährigen Untersuchungen (2023-2024) in BROMMI wurde die Aktivitätsdichte bodenbewohnender Insekten und Spinnen von Mai bis Juli erfasst. Durch die Untersaat in weiter Reihe erhöhten sich auf vier Flächen, auf welchen eine Untersaat erfolgreich etabliert wurde, die Fänge von Laufkäfern im Mittel um 35 % (- 40 % bis + 191 %) bzw. 5 Laufkäfer je Falle (- 3 bis + 21 Individuen/ Falle). Auf den weniger erfolgreich etablierten Flächen fiel der Effekt geringer aus. Laufkäfer können zu einer gesteigerten Schädlingsregulierung beitragen. Die Fänge von Kurzflügelkäfern und Spinnentieren wurden durch die Untersaat dagegen nur minimal beeinflusst. Interessant ist, dass in den Untersaaten Schlupfwespen um 56 % häufiger als Beifang in den Bodenfallen auftraten als in den Vergleichsflächen. Weiterführende Informationen • Chalwatzis D., Wangert S., Pfister S.C., Klöble U., Schroers J.O., Bukhovets O., Oppermann R. (2024): „Weite-Reihe-Getreide mit blühender Untersaat- eine neue nachhaltige Getreide-Anbauform“. Broschüre, 24 S. IFAB Mannheim & KTBL Darmstadt. (abgerufen am 16.05.2025) • Oppermann R., Chalwatzis D., Wangert S., Pfister S.C., Bukhovets O., Schroers J.O., Klöble U. (2024): "Weite-Reihe-Getreide mit blühender Untersaat“. Abschlussbericht. 245 S. IFAB Mannheim & KTBL Darmstadt. (abgerufen am 16.05.2025) • Preißel S., Glemnitz M., Stein-Bachinger K. & Döring T.F. (2026): Förderung von Insekten und Schädlingsregulation durch blütenreiche Untersaaten in Getreide. S. 428-431 In: Kemper, R., M. Athmann, A. Häring, D. Neuhoff, M. Müller-Lindenlauf, L. Schmitz, C. Stumm, I. Tiemann & T.F. Döring [Hrsg.], (2026) Tagungsband zur 18. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Widerspruch begegnen – viele Antworten, ein Ökolandbau. 3. bis 6. März 2026 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn (abgerufen am 11.05.2026) Autor*innen: • Wiltrud Fischer, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärenreservat Rhön • Sara Preißel-Reckling, ZALF
03-Praxisbeispiele Maßnahmen-Umsetzungen
Klappertopf im Straßenbegleitgrün
Der Klappertopf ist ein natürlicher „Pflegehelfer“: Er schwächt dominante Gräser und schafft Platz für blühende Wildkräuter und mehr Artenvielfalt im Straßenbegleitgrün. Dieses Kapitel zeigt, wie der seltene Halbschmarotzer Insekten fördert, Pflegeaufwand reduzieren kann und worauf es bei einer erfolgreichen Ansaat ankommt. Zum Inhalt springen: ↓ Zusammenfassung ↓ Mehrwert für den Insektenschutz ↓ Mehrwert für Kommunen ↓ Standortvoraussetzungen ↓ Umsetzung ↓ Herausforderungen und Aufwand ↓ Erfahrungen und Tipps für die Praxis ↓ Weiterführende Informationen Zusammenfassung Blühpflanzen haben es im Straßenbegleitgrün oft nicht leicht. Durch häufiges Mulchen ist ein Überangebot an Nährstoffen auf den Flächen vorhanden und Gräser dominieren den Bestand. Das macht es Insekten schwer, Pollen und Nektar zu finden. Eine innovative Lösung ist die Einsaat von Klappertopf (Rhinanthus spec.). Die zu den Sommerwurz-Gewächsen gehörende Pflanze ist ein Halbschmarotzer, der vor allem an Gräsern und Leguminosen (Hülsenfrüchtlern) parasitiert. Er entzieht mithilfe von Saugwurzeln (Haustorien) den umliegenden Gräsern Nährstoffe und Wasser, wodurch diese in ihrem Wachstum geschwächt werden. Dadurch ermöglicht der Klappertopf nicht nur die Entwicklung konkurrenzschwächerer Blühpflanzen, sondern reduziert mit der „Kleinhaltung“ der Gräser auch die Pflegenotwendigkeit im Straßenbegleitgrün. Der Klappertopf gilt laut Roter Liste in Deutschland als „gefährdet“. Aussaat-Projekte fördern neben Nahrungsangeboten für Insekten somit auch die Weiterverbreitung dieser heimischen Pflanzenart. Kleiner Wermutstropfen sind die hohen Kosten des Saatgutes. Bisher wird der Klappertopf noch selten im Straßenbegleitgrün als Pflegehelfer eingesetzt und es liegen wenige Erfahrungen damit vor. Wir zeigen im Folgenden: Ausprobieren lohnt! Mehrwert für den Insektenschutz Zu den bekanntesten heimischen Klappertopf-Vertretern gehört der Große Klappertopf (Rhinanthus serotinus oder auch Rh. angustifolius). Je nach Standort kann er 20 bis 80 cm hoch werden. Die Blühphase des Klappertopfes erstreckt sich von Mai bis August. Seine röhrenartigen Blüten werden vor allem von Hummeln bestäubt. Neben den Blütenständen sind auch die Samenkapseln Nahrungsquelle oder Rückzugsort für Insekten. Besonders abhängig vom Vorkommen der Klappertöpfe ist der Klappertopf-Kapselspanner (Perizoma albulata). Die Raupen dieses nur 2 cm großen, in weiten Teilen Deutschlands stark gefährdeten Nachtfalters, ernähren sich ausschließlich von den Samen des Klappertopfes. Verschwindet die Pflanze, verschwindet auch der Spanner. Doch auch indirekt profitieren die Insekten vom Vorkommen des Klappertopfes. Durch seine wachstumshemmende Wirkung auf Gräser, fördert er andere, konkurrenzschwache Wildkräuter. Die dadurch erhöhte Blütenvielfalt bietet verschiedensten Insekten Nahrung. Zwar schmarotzt der Klappertopf vorwiegend an Gräsern, aber auch andere Pflanzenarten können von ihm geschwächt werden. Insbesondere Leguminosen können sich nicht so gut gegen die Haustorien des Klappertopfes zur Wehr setzen und werden ebenfalls in ihrem Wachstum gehemmt (Moncalvillo, Sandner & Matthies, 2025). Mehrwert für Kommunen Die Einsaat des „Selbstläufers“ Klappertopf ist eine viel zu selten genutzte Möglichkeit, Grünflächen ökologisch aufzuwerten. Mit dem Ziel, mehr Blütenreichtum auf Flächen zu erzielen, ist eine Aussaat in den Bestand mit weniger Aufwand verbunden, als beispielsweise eine Einsaat einer Blühfläche. Im Gegensatz zu der Anlage einer Blühfläche braucht es zudem für die Aussaat des Klappertopfes keinerlei Bodenvorbereitung. Ein etablierter Klappertopf-Bestand bringt noch weitere Vorteile mit sich. Da der Halbschmarotzer den Gräsern Wasser und Nährstoffe entzieht, reduziert sich die Pflegeintensität deutlich. Je flächiger der Klappertopf vorkommt, desto stärker ist dieser Effekt zu erkennen. Selbst im Intensivbereich des Straßenbegleitgrüns kann bei einer etablierten Population der Wildstaude auf die Mahd während des Frühjahres/Sommers komplett verzichtet werden. Standortvoraussetzungen Am liebsten wächst der Große Klappertopf auf wechselfeuchten und mäßig nährstoffhaltigen Böden. Die Standorte sollten möglichst sonnig sein. Weg- oder Gebüsch-Säume eignen sich nur dann gut, wenn sie ausreichend besonnt werden. Durch ihre linienhafte Struktur können aufgewertete Säume damit hervorragende biotopverbindende Blühkorridore darstellen. Für eine gelingende Etablierung ist die Vegetationsdichte entscheidend: Sie muss hoch genug sein, um dem Klappertopf Wurzelparasitismus zu ermöglichen, darf aber wiederrum nicht zu undurchdringlich sein, damit die Keimlinge ausreichend Licht bekommen. Daher sollte keine Einsaat auf besonders nährstoffreichen Flächen oder Flächen mit wuchernden Pflanzen wie z.B. Giersch und Brombeere erfolgen. Da sich Klappertopf-Pflanzen in ihren ersten Lebenswochen von ihren Samenvorräten und ihrer eigenen Photosynthese zehren, benötigen sie ausreichend Licht. Die Haustorien bilden sich erst, wenn die Jungpflanze ihre Blätter vollständig entwickelt hat. Erhält der Klappertopf in dieser Zeit nicht genügend Licht, geht er ein. Auch stark wüchsige Gräser, die noch nicht vom Halbschmarotzer angezapft wurden, können diesen überwuchern und ihn so „ersticken“. Abhilfe kann hier eine partielle Mahd bieten, die gezielt die wüchsigen Bereiche eindämmt und dem Klappertopf Licht zum Wachsen schafft. Ebenfalls eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des Halbschmarotzers spielt die Qualität der Wirtspflanzen. Sind Gräser und andere Wirte z.B. aufgrund von Nährstoffmangel in ihrem Wachstum begrenzt, wächst auch der Klappertopf schlechter (Ievinsh, G., 2024). Haben sich die Klappertopfbestände aber einmal etabliert, sind sie robust. Umsetzung Entscheiden sich Mitarbeitende von Bauhöfen für eine Einsaat des Großen Klappertopfes, ist der beste Zeitpunkt dafür der Herbst bis in den frühen Winter. Denn die Klappertopf-Samen benötigen bis zu zwölf Wochen Kälte als Keimungsreiz für das kommende Frühjahr. Für die Ansaat ist es lediglich von Nöten die Flächen vorab zu mähen und das Mahdgut zu beräumen, damit die Keimlinge im kommenden Frühjahr ausreichend Licht erhalten. Im Anschluss können die Samen auf die bestehende Grasnarbe gestreut werden, eine extra Bodenbearbeitung ist nicht erforderlich. Regen und Wind sorgen dafür, dass die Samen in Kontakt mit dem Boden gelangen. Mit einer Walze kann der Bodenschluss aber auch manuell erfolgen. Beim Ausbringen eignet sich die händische Aussaat am besten. Die Samen können pur oder gemischt mit feuchtem Sand oder Maisschrot im Verhältnis 1:3 ausgebracht werden. In der Regel reicht eine Ansaatstärke von 0,3-0,5 g/m². Forschungen ergaben, dass eine höhere Aussaatmenge eine erfolgreichere Ansiedlung und ein schnelleres Wachstum der Klappertopf-Population mit sich bringt (Pywell et. al, 2004). Die Samen sollten auf der Fläche einmal längs und einmal quer ausgestreut werden. Die Keimfähigkeit von Klappertopf-Samen lässt bei falscher Lagerung sehr schnell nach, daher sollte erworbenes Saatgut immer sofort ausgebracht werden. Hat sich der Klappertopf auf der Fläche etabliert, darf von Mai bis August keine Mahd erfolgen, denn der Schmarotzer ist mahdsensibel. Verlieren die einjährigen Pflanzen durch eine Mahd mehr als 50% ihrer Biomasse, gehen sie ein und damit ist die gesamte Population für das Folgejahr verloren. Sobald die Samen des Klappertopfes hingegen reif sind, kann eine Mahd im September sogar dabei helfen, das Saatgut auf der Fläche zu verteilen. Allerdings nur, wenn das Mahdgut auf der Fläche verbleibt. Wichtig dabei ist, das Mahdgut möglichst klein zu häkseln, damit keine dichte Matte entsteht, die den Keimlingen im Frühjahr das Licht nimmt. Nimmt der Klappertopf Überhand, kann die Population mit einem gezielten, partiellen Mähen während der Blüte reguliert werden. Eine Verbreitung des Klappertopfs auf rund 30 % einer Fläche ist optimal. Wenn dies erreicht ist, steigt die Anzahl der weiteren Pflanzenarten um 12 % an (S. Boch et al., 2016). Ist die Samenbank der Wildkräuter auf der Fläche erschöpft, kann in den Jahren nach erfolgreicher Ansiedlung des Klappertopfes zusätzlich eine Wildblumenmischung ausgesät werden. Um die Klappertopf-Bestände nicht zu gefährden, sollte die Blumenmischung ohne Bodenbearbeitung im zeitigen Frühjahr oder im Spätsommer ausgebracht werden. Herausforderungen und Aufwand Artenauswahl und Bezugsquellen Samen der heimischen Klappertopfarten sind aufgrund ihrer aufwändigen Vermehrung und Beerntung sehr teuer. Möchte man eine Fläche mit Klappertopf anreichern, kann das schnell ins Geld gehen. Aktuell liegen die Preise zwischen 299€/kg und 428€/kg (je nach Art, Stand 03/2025). Zudem gibt es nur wenige Händler, die dieses Saatgut überhaupt vertreiben, so dass auch die Verfügbarkeit stark eingeschränkt ist. Es sollte zudem darauf geachtet werden, dass die passende Rhinanthus-Art für den jeweiligen Standort verwendet wird. Eine gute Informationsquelle dafür bietet die Seite floraweb.de. Hier lassen sich die Verbreitungsgebiete der einzelnen Klappertopf-Arten einsehen. Während z.B. der Große Klappertopf (Rhinanthus serotinus) vor allem im Norden Deutschlands verbreitet ist, hat der Zottige Klappertopf (Rhinanthus alectorolophus) seinen Verbreitungsschwerpunkt im Süden der Republik. Pflegemanagement Das Klappern der Samenstände im Herbstwind gab dem Klappertopf seinen Namen. Die Samen können sich mithilfe ihres Flügelsaumes über weite Strecken verteilen. Da diese Pflanze einjährig ist, ist diese Verbreitungsweise notwendig für den Fortbestand der Population. Will man die Population dauerhaft erhalten, muss das Pflegemanagement darauf angepasst werden, z.B. mit einer späten ersten Mahd ab September. Dies hat zur Folge, dass bestehende Betriebsabläufe ggf. neu strukturiert werden müssen. Tut man dies nicht, ist die Klappertopf-Population bereits nach dem ersten Jahr wieder von der Fläche verschwunden. Flächenauswahl Auch bei der Auswahl geeigneter Flächen für den Einsatz des Klappertopfes ist Vorsicht geboten. Es sollte vermieden werden, dass die Pflanze auf angrenzende landwirtschaftliche Flächen, vor allem Mäh- und Weideflächen, einwandert. Dort kann der Halbschmarotzer die Futterpflanzen schwächen und sich als leicht giftige Beimischung im Futter ungünstig auf die Tiergesundheit auswirken. Geringe Dichten von Klappertopf (unter 2%) im Wirtschaftsgrünland gelten jedoch als nicht problematisch (Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaus eAGFF, 2025). Auch Flächen unter Bäumen oder an Hecken lohnen sich nur bedingt als Ansaatfläche für den Klappertopf. Ideal sind magere und besonnte Freiflächen. Erfahrungen und Tipps für die Praxis Neben dem Klappertopf gibt es in der heimischen Flora weitere Halbschmarotzer, wie Augentrost (Euphrasia), Zahntrost (Odontites) und Wachtelweizen (Melampyrum). Insbesondere der Wachtelweizen könnte ebenfalls zur Aufwertung von Grünflächen benutzt werden. Ob allerdings eine Mischung aus verschiedenen Halbschmarotzern einen größeren Effekt hat als eine einzelne Art, wurde bisher nicht untersucht. Es kann passieren, dass sich im ersten Frühjahr nach der Aussaat nur wenige Klappertopf-Pflanzen entwickeln. Dies ist ein Zeichen dafür, dass der Kältereiz nicht ausreichend lang gewesen ist. Allerdings ist das noch kein Problem, denn Umsetzungsprojekte mit Klappertopf konnten zeigen, dass auch im zweiten Jahr nach der Ansaat noch Samen aufgehen, allerdings in verminderter Stärke als ursprünglich ausgesät. Tritt solch ein Fall ein, sollte die Fläche im ersten Jahr nach der Aussaat gründlich nach Keimlingen abgesucht werden. Sind keine oder nur wenige zu finden, kann die Fläche gemäht werden, damit die Verkehrssicherheit erhalten bleibt. Bisher wird der Klappertopf noch sehr selten im Straßenbegleitgrün eingesetzt. Daher sind die Erfahrungen im Umgang mit ihm weiterhin rar. Es stehen somit noch viele Versuchsmöglichkeiten offen, wie der Klappertopf als Pflegehelfer genutzt werden kann. Das kann z.B. eine abschnittsweise (z.B. alle 50 m) Einsaat sein oder der Klappertopf wird erst einmal nur auf einer Weg-/Straßenseite verwendet. Es lohnt sich auszutesten, was für den jeweiligen Standort die beste Variante ist. Wichtig ist dabei nur immer daran zu denken, dass der Klappertopf während der Keimung viel Licht braucht und das ganze Jahr überabsolut mahdsensibel ist. Weiterführende Informationen Saatgut: Produktsuche | Rieger-Hofmann Shop Erprobungs-Vorhaben: „Klappertopf“-Projekt in Schleswig-Holstein: schleswig-holstein.de - Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein - LBV.SH: Insekten-Tankstellen erblühen an Straßenrändern im echten Norden (abgerufen am 24.03.2025) Vortrag: Klappertopf als Pflegehelfer im Straßenbegleitgrün; BROMMI, Dr. Josephine Kuczyk Literatur: • Klappertopf, Zottiger - eAGFF – Fachwissen im Futterbau (Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaus eAGFF, 2025. (abgerufen am 07.03.2025) • Hartley, S.E., Green, J. P., Massey, F. P., Press, M. C. P., Stewart, A., & John, E. A. (2015): Hemiparasitic plant impacts animal and plant communities across four trophic levels. Ecology, 96(9), pp 2408-2416. • S. Boch et al. (2016): Rhinanthus alectorolophus (Zottiger Klappertopf) kann die Diversität in Wiesen erhöhen. N&L inside (Konferenz der Beauftragten für Natur- und Landschaftsschutz, Herisau, Schweiz). 1/2016, pp 20-24. • Ievinsh, G. (2024): Biology of Hemiparasitic Rhinanthus Species in the Context of Grassland Biodiversity. Land, 13, p 814. • Moncalvillo, Sandner & Matthies (2025): Legumes vary strongly in their quality as hosts for parasitic plants: interactions between the root hemiparasite Rhinanthus alectorolophus and 30 legume species. Annals of Botany, https://doi.org/10.1093/aob/mcaf023 (abgerufen am 24.03.2025). • Pywell, R.F. et. Al (2004): Facilitating grassland diversification using the hemiparasitic Plant Rhinanthus minor. Journal of Applied Ecology, 41, pp 880-887. • Schmeil, O. (1951): Leitfaden der Pflanzenkunde. Verlag Quelle & Meyer, Heidelberg. Autor*innen: • Dr. Josephine Kuczyk, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärenreservat Schaalsee • Hanna Rubenbauer, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin • Holger Pfeffer, ZALF
03-Praxisbeispiele Maßnahmen-Umsetzungen
Insektenfreundliche kommunale Grünflächen
Mit angepasster Bepflanzung und Pflege können auf kommunalen Grünflächen wertvolle Lebensräume für Insekten entstehen. Dieses Praxisbeispiel zeigt, wie schon kleine Veränderungen bei Mahd, Technik und Pflegekonzepten Artenvielfalt fördern, den Pflegeaufwand reduzieren und gleichzeitig das Ortsbild aufwerten können. Zum Inhalt springen: ↓ Zusammenfassung ↓ Mehrwert für den Insektenschutz ↓ Mehrwert für Kommunen ↓ Standortvoraussetzungen ↓ Umsetzung ↓ Herausforderungen und Aufwand ↓ Erfahrungen und Tipps für die Praxis ↓ Weiterführende Informationen Zusammenfassung Repräsentative Grünflächen von Kommunen oder deren Eigenbetrieben sowie Landschaftsparks von touristischen Zielen werden i.d.R. von vielen tausenden Besucher*innen im Jahr aufgesucht. Der Betreuungsaufwand für diese Flächen ist zumeist hoch. Oftmals werden sie intensiv gepflegt. Werden solche Grünflächen extensiver gepflegt, können sie als Ausweichquartiere für die schwindenden artenreichen Wiesen unserer Kulturlandschaft fungieren. Es bietet sich die Chance, durch Stellschrauben im Pflegeregime, bei der verwendeten Technik oder durch Schonflächen, Ansaaten oder Pflanzungen mehr Artenreichtum auf den Grünflächen zu erzielen. Teilweise führen einzelne Maßnahmen - etwa von der Mahd ausgesparte Schonbereiche oder mehrmonatige Mahdpausen - zu einer Reduzierung des Pflegeaufwands, was attraktiv für pflegende Fachkräfte ist. Werden die Maßnahmen gut kommuniziert und z.B. durch Schilder (Beispielschild aus BROMMI) begleitet, kommt die praktische Umsetzung einer strukturreicheren Grünfläche statt eines artenarmen Kurzschnittrasens bei vielen Menschen sehr gut an. Das etablierte starke „Ordnungsempfinden“ kann durch solche Beispiele neu besetzt werden. Mehrwert für den Insektenschutz Bei jeder Mulchmahd (Schnittgut verbleibt auf der Fläche) werden einige Insektengruppen um bis zu 90 % reduziert (Müller & Bosshard 2010, s. nachstehende Abbildungen). Eine Pflegeumstellung auf andere Technik und deutlich weniger Mahdgänge, kann den Verlust an Insekten deutlich reduzieren. Als technisch am insektenfreundlichsten gelten Balkenmäher mit Doppelmessern. Die Tiere werden hier nicht gleichzeitig mit dem Schnittgut zerkleinert. Davon profitieren besonders Heuschrecken und seltene Zikadenarten. Optimal ist es, wenn das Schnittgut noch von der Fläche beräumt wird und auf einem Kompostplatz vor Ort kompostiert. Denn dann bildet sich keine für Insekten ungünstige Mulchauflage, die der Fläche Luft und Licht am Boden nimmt, Schimmel begünstigt, Nährstoffüberschuss bewirkt und dadurch Blühpflanzen am Wachsen hindert. Der sich dadurch entwickelnde Artenreichtum bei den Pflanzen sorgt für mehr Nahrungsangebot und bedingt eine höhere Menge und Vielfalt an Insekten. Werden Schoninseln und Streifen belassen, entstehen zusätzliche Überwinterungs- und Nisthabitate. Insbesondere Tagfalter, Wildbienen, Hummeln und andere blütenbesuchende Insekten wie Schwebfliegen profitieren von Bereichen höherwüchsiger Vegetation und mehr Blühpflanzen. Im Frühjahr sind die Hummelköniginnen unterwegs und auf große Mengen an Nektar und Pollen angewiesen. Fällt bei häufiger Mahd das Nahrungsangebot weg, kann dies den Ausfall eines ganzen Volkes bedeuten. Ausreichend Nahrungsangebot durch einheimische Blühpflanzen, ist daher besonders wichtig. Mehrwert für Kommunen Struktur- und artenreiche Grünflächen statt artenarme Kurzschnittrasen kommen bei vielen Menschen – vorausgesetzt, sie werden gut erklärt und nicht als vernachlässigte Pflege missverstanden - sehr gut an. Durch mehrmonatige Schonzeiten in der Pflege und Schonbereiche, können der Aufwand der Pflege reduziert und damit sowohl Kosten als auch Arbeitszeit eingespart werden. Mit anschaulichen Informationen über die angepasste Pflege, Umgestaltung oder Mitmachaktionen, können Anwohner*innen und Besucher*innen für die Bedeutung der biologischen Vielfalt und die Belange von Insekten sensibilisiert werden. Schulungen steigern die Expertise der pflegenden Fachkräfte und sichern die fachgerechte Umsetzung der Maßnahmen. Standortvoraussetzungen Das Belassen von Schonbereichen, die reduzierter gemäht werden, ist auf allen Grünflächen umsetzbar, die eine ausgewogene Artenzusammensetzung aufweisen. Bei der Standortwahl zur Etablierung von artenreichen Wiesen durch blütenfördernde Mahd oder Ansaat sollte darauf geachtet werden, dass der Boden eher mager, d.h. nicht zu nährstoffreich ist. Sonst ist die Etablierung artenreicher Wiesen schwierig. Auch besser nährstoffversorgte Böden können nachhaltig entwickelt werden. Jedoch ist durch den zu erwartenden stärkeren Aufwuchs von Gräsern auch ein erhöhter Pflegeaufwand zu erwarten. Des Weiteren sollten Standorte gewählt werden, die wenig bis nicht beschattet sind oder zumindest großflächige besonnte Flächen aufweisen. Stark beschattete Flächen sind weniger geeignet. Diese könnten alternativ mit ökologisch wertvollen Bodendeckern wie z. B. Kriechender Günsel (Ajuga reptans), Kleine Braunelle (Prunella vulgaris) oder Gundermann (Glechoma hederacea) bepflanzt werden. Dadurch wird der Pflegeaufwand weiter minimiert. Umsetzung Um kommunale Grünflächen insektenfreundlicher zu gestalten, ist das erste „Mittel der Wahl“, die Zahl der Mahddurchgänge zu reduzieren. Empfohlen wird eine Schnittzahl von ein bis zwei Mahdgängen pro Jahr, gegenüber sonst oft umgesetzten fünf bis sechs Mahdgängen. Dadurch entfallen die Arbeitsspitzen während der warmen Monate mit viel Besucherandrang und das Pflegepensum verschiebt sich in Zeiten mit weniger Arbeitslast (z.B. frühere Mahdtermine im April/ Mai, keine Mahdtermine nach der Herbstmahd). Grundlegend für die Sensibilisierung, Akzeptanz und fachgerechte Umsetzung der Maßnahmen ist es, die Expertise der für die Pflege zuständigen Mitarbeitenden von Beginn an einzubeziehen, sowie Arbeitsroutinen und Abläufe mit zu berücksichtigen. Hilfreich für eine klare Zielstellung ist eine graphisch intuitive Darstellung der Pflegepläne, z.B. auf einem Lageplan der Liegenschaft oder einem Luftbild. Schonflächen und Schonzeiten Effektiv und unkompliziert umzusetzen sind frei wählbare Bereiche, die bei einem Schnitt stehen gelassen werden. Wirkungsvoll sind 20 % einer Fläche. Diese Schonflächen sollten mindestens acht Wochen oder über den Winter hinaus bis zum April bestehen bleiben dürfen. Durch die Anlage von intensiver gemähten, randlichen Bankett-Streifen wird ein „Kümmern“ angezeigt, um Beschwerden oder verwunderten Anrufen vorzubeugen. Optisch schön und Neugierde weckend wirken gemähte Pfade durch Schonflächen, die zum Erkunden einladen. Anstatt größere Areale an einem Tag zu mähen, können diese in mehrere Abschnitte geteilt werden und im Abstand von zehn Tagen gemäht werden. Insekten können dadurch in ruhige Bereiche bei der Mahd wechseln und die Entwicklung von Blüten ist zeitlich gestaffelt. Blütenfördernde Minimalmahd Bei Flächen mit magerem Boden empfiehlt es sich, nur zweimal pro Jahr zu mähen. Die erste Mahd sollte im zeitigen Frühjahr (April) umgesetzt werden und die zweite im Sommer. Durch diesen Schnitt wird eine zweite spätere Blüte erzeugt, zu einem Zeitpunkt wo sonst Blütenmangel herrschen würde. Durch die lange Mahdpause können sich Wildkräuter etablieren und zur Blüte kommen, sowie sich danach aussamen. Wichtig ist, dass das Schnittgut von der Fläche beräumt wird. Kommt bei besonders wüchsigen Standorten ein zweiter oder dritter Schnitt in Frage, so sollte eine Mahdpause von mindestens acht Wochen eingehalten werden. Da viele Quellen jedoch eine spätere Erstmahd zur Blüte der Gräser, circa Mitte Juni für Wegsäume oder eine Herbstmahd empfehlen, scheint es auch vertretbar, wenn im Betriebsablauf nicht alle Flächen im April gemäht werden können. Für viele Insektenarten ist ein Schnitt im September eine sichere Sache, weil dann deren Entwicklungszyklen meist abgeschlossen sind (van de Poel & Zehm 2014). Hierbei sollte der Mahdzeitpunkt auf den jeweiligen Flächen tendenziell gleichbleiben. Sollten sich Neophyten, wie etwa die Kanadische Goldrute etablieren, ist frühzeitiges Jäten samt Wurzel eine effektive Methode. Pflanzungen und Ansaaten Eine durch Pflege entwickelte Wiese ist immer einer Neuanlage vorzuziehen. Zum einen spart man die Kosten für das Saatgut, zum anderen sind schon vorhandene Pflanzenarten optimal an den Standort angepasst. Zur Etablierung artenreicher Wiesenflächen kann es manchmal notwendig sein, Saat- und Pflanzgut in die Fläche einzubringen. Wenn ein Umbruch der Fläche nicht möglich ist (z.B. aus Gründen des Denkmalschutzes), ist die Schlitzsaat eine Möglichkeit, um schonend einzusäen. Hierbei werden alle 3,5 cm Schlitze in die Wiese geschnitten, in die der Samen abgelegt wird. Das anschließende Walzen verschließt die Schlitze. Werden Blühflächen angelegt, empfiehlt es sich den Boden intensiv vorzubereiten, nämlich ein feinkrümeliges Saatbett herzustellen, gebietsheimisches Wildpflanzensaatgut per Herbsteinsaat aufzustreuen und dieses anzuwalzen. Eine Aufwertung mit Blühpflanzen gelingt auch durch das Stecken von Blumenwiebeln im Herbst. Hier empfehlen sich Wildformen mit biologischer Pflanzgutqualität, die sich selbst vermehren. Wenn Frühblüher-Zwiebelpflanzen eingepflanzt wurden, sollten diese so lange ungemäht stehen bleiben dürfen, bis ihre Blätter welken. Herausforderungen und Aufwand Technikaufwand Beim Mähen von Schonbereichen mit höherstehendem Gras muss ausprobiert werden, ob die bestehende (Aufsitz-)Mahdtechnik die neuen Graslängen schafft. Die insektenschonendste Technik ist die Verwendung eines Balkenmähers mit Doppelmessern. Hierbei ist die Sogwirkung gegenüber herkömmlichen Mulchmähern reduziert und die Tiere werden nicht gleichzeitig mit dem Schnittgut zerkleinert. Bewährt hat sich die Verwendung eines handgeführten Einachsers oder Kleintraktors mit Anbau zweier oszillierender Messerleisten. In Absprache mit den Akteuren kann auch ein Scheibenmähwerk in Frage kommen, da dieses zumindest eine geringere Schadwirkung als Mulchmähwerke hat. Effektive Stellschraube für alle Typen von Mähwerken ist zusätzlich die Mahdhöhe, gemessen als effektiver Freiraum unter dem Mähwerk. Diese kann durch zusätzlich montierte Hochschnittkufen erhöht werden. Am besten verschont bleiben Kleintiere bei Höhen von acht bis zwölf Zentimetern. Zusätzlich fällt so pro Hektar bis zu 100 kg weniger Schnittgut an. Gemeinsam mit den Maschinenführenden können die technischen Möglichkeiten ausgelotet werden. Auf großes Interesse stoßen i.d.R. auch Sensenkurse auf Grünflächen: Teilnehmende können das Mähen mit Muskelkraft erlernen und große Teile der Grünflächen werden zugleich öffentlichkeitswirksam durch das „Ehrenamt“ gepflegt. Mahdgutberäumung Um den Boden abzumagern, Nährstoffe zu entziehen und darüber eine blütenreichere Artenzusammensetzung zu fördern, sollten Akteure die Beräumung des Schnittgutes mit einplanen. Dies gestaltet sich in der Praxis oftmals schwierig und erfordert oft aufwendige Individuallösungen. Zwar könnte das Mahdgut für Biogas, Pyrolysekraftwerke oder für die Kompostierung Verwendung finden. Jedoch kommt es auf kommunalen Grünflächen oft zu einer Verschmutzung des Schnittgutes, etwa durch Abfälle, was es für z.B. die Nutzung als Futtermittel oder Einstreu nur mit Aufreinigung verwendbar macht. Ist eine lokale Nutzung nicht möglich, bleibt meist nur die kostenpflichtige Komplettentsorgung und der Transport dorthin. Findet die Aufnahme des Mahdgutes per Rechen statt, ist außerdem von einem großen zeitlichen Aufwand auszugehen. Alle Arbeitsschritte zusammen genommen - Schnitt, manuelles Schwaden und Beräumung des Mahdgutes – sind vom zeitlichen Aufwand her vergleichbar mit der Pflege eines Kurzschnittrasens. Für die maschinelle Mahdgutaufnahme gibt es mittlerweile eine Reihe technischer Lösungen: manche Balkenmäher können Mähen und Schwaden in einem Arbeitsgang. Die Beräumung findet dann z.B. mittels am Einachser anbaubarer Ballenpresse oder mit einem Ladepickup für Schmalspurgeräteträger statt. Technische Kombinationen lassen sich im besten Fall mit Förderprogrammen gegenfinanzieren, zum Beispiel dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz für Kommunen. Erfahrungen und Tipps für die Praxis Warum sieht alles „wilder“ aus und warum? Wichtig ist eine anschauliche Information für Anwohner*innen und Besucher*innen über die Presse, Schilder oder andere Möglichkeiten. Die Informationen über die Umstellung der Pflege sollten ggf. schon vor der Umsetzung in Presseartikeln angekündigt werden. Neugier und Interesse beugen dann bestenfalls Beschwerden vor und dem Eindruck, dass der Bauhof/ das Grünflächenamt seinen/ ihren vermeintlichen Verpflichtungen nicht nachkommt. Ein Grundstein für eine erfolgreiche Pflegeumstellung ist es außerdem, von Beginn an gemeinsam und wertschätzend mit allen Beteiligten zusammen zu arbeiten: von den Praktiker*innen des Grünpflegeteams bis hin zur Planungsebene. Anlage und Pflege von Blühflächen Eingesäte oder gepflanzte Blühareale steigern die Arten- und Farbvielfalt von Blühflächen. Es kann jedoch vorkommen, dass Saatgutmischungen in ihrer Keimwirkung hinter den Erwartungen zurückbleiben, da Standard-Saatgutmischungen je nach Bodenvoraussetzungen unterschiedlich gut funktionieren. Was man durch Anpassungen der Pflege tun kann, wenn Blühflächen sich einmal nicht so entwickeln wie gewünscht, zeigt der BROMMI-Kurzfilm „Mehrjährige Blühflächen in der Landwirtschaft“. Flächen mit Frühblühern und Stauden Für Flächen mit Frühblühern lohnt es sich, Firmen zu beauftragen, die mit maschineller Technik die Zwiebeln stecken. Ein Pflanztag mit maschinellem Setzen von Blühzwiebeln kostet rund 1800 € zuzüglich der Kosten pro Quadratmeter in Abhängigkeit von der Zwiebelzahl und der Pflanzenwahl. Eine mehrjährige Staudenpflanzung ist sparsamer und zeitlich weniger aufwendig als ein zwei bis dreimal jährlich gepflanzter Wechselflor. Der Wechselflor besteht i.d.R. aus nicht heimischen, mehrheitlich nur ein- und zweijährigen Arten und hat nur geringen Wert für die Insektenvielfalt. Eine richtig geplante mehrjährige Staudenpflanzung hingegen hat eine längere Blühphase und ist durch Blütenformen und Farben vielfältiger. Weiterführende Informationen • Kommunen für biologische Vielfalt (2026): Arbeitshilfe für die Verwertung von kommunalem Mähgut. (abgerufen am 03.03.2026) • Müller, M. & Bosshard, A. (2010): Altgrasstreifen fördern Heuschrecken in Ökowiesen. Eine Möglichkeit zur Strukturverbesserung im Mähgrünland. Naturschutz und Landschaftsplanung. 42. 212-217. • Van de Poel, D. & Zehm, A. (2014): Die Wirkung des Mähens auf die Fauna der Wiesen – Eine Literaturauswertung für den Naturschutz. Anliegen Natur 36(2), 2014: 36–51. (abgerufen am 11.05.2026) • Zeitner, J. (2023): Extensive Grünlandpflege. Mähen, aufsammeln, wegfahren. Onlineartikel in Naturschutz und Landschaftsplanung. (abgerufen am 11.05.2026) • zum Thema invasive Arten: Nehring, S.; Kowarik, I.; Rabitsch, W. & Essl, F. (2013): Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen für in Deutschland wild lebende gebietsfremde Gefäßpflanzen. BfN Schriften 352. (abgerufen am 11.05.2026) • Erklärfilm „Artenreiche Flächen schaffen und erhalten - Die richtige Pflege“ (DVL e.V.) (abgerufen am 11.05.2026) • Erklärfilm "Artenreiche Flächen schaffen mit Regiosaatgut - Gewinnung und Ausbringung" (DVL e.V.) (abgerufen am 11.05.2026) • BROMMI-Erklärfilm “Insektenschutz in Kommunen“ (abgerufen am 11.05.2026) • BROMMI-Erklärfilm “Pflege mehrjähriger Blühflächen in der Landwirtschaft“ (abgerufen am 11.05.2026) • Beispielschild aus BROMMI: Reduziertes Mähen Autor*innen • Florian Lauer, BROMMI-Projektmanager Biosphärenreservat Mittelelbe • Hanna Rubenbauer, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin
03-Praxisbeispiele Maßnahmen-Umsetzungen
Schonstreifen im Grünland/ Ackerfutter
Schonstreifen im Grünland/ Ackerfutter Schonstreifen sind eine einfache und wirkungsvolle Maßnahme, um Insekten im Grünland und Ackerfutter zu schützen. Ungemähte Bereiche bieten Rückzugsorte, Nahrung und Lebensraum für zahlreiche Arten – direkt während und nach der Mahd. Dieses Praxisbeispiel zeigt, wie Schonstreifen umgesetzt werden können und welchen Beitrag sie für die Biodiversität leisten. Zum Inhalt springen: ↓ Zusammenfassung ↓ Mehrwert für den Insektenschutz ↓ Mehrwert für die Landwirtschaft ↓ Standortvoraussetzungen ↓ Umsetzung ↓ Herausforderungen und Aufwand ↓ Erfahrungen und Tipps für die Praxis ↓Weiterführende Informationen Zusammenfassung Schonstreifen sind im Grünland und Ackerfutter eine effektive Maßnahme zum Schutz von Insekten. Bei jeder Mahd von Grünland oder Ackerfutter bleiben ungemähte Flächen stehen. Diese Schonstreifen bieten wichtige Rückzugsräume für Insekten und andere Tiere während und nach der Mahd. Sie finden dort Schutz, Deckung und Plätze zur Eiablage. Schmetterlinge, Wildbienen und andere blütenbesuchende Insekten finden weiterhin Nahrung. Durch die Umsetzung dieser Maßnahme auf Landschaftsebene können landwirtschaftliche Betriebe, Städte und Gemeinden und andere Flächenbewirtschafter einen positiven Beitrag zum Schutz der biologischen Vielfalt leisten, ohne dass dabei große Futter-Verluste entstehen. Mehrwert für den Insektenschutz Bunte Wiesen zählen zu den artenreichsten und wichtigsten Bestandteilen unserer Kulturlandschaft. Eine zunehmend intensive Nutzung mit früheren und häufigeren Mahdterminen sowie hohen Nährstoffeinträgen kollidiert mit den Entwicklungszyklen vieler Vögel, Amphibien und Insekten. Zum Beispiel Heuschrecken: Bis zu 85% der Heuschrecken einer Wiese fallen der maschinellen Heu- oder Silageernte zum Opfer. Bei jedem Arbeitsschritt vom Mähen, über das Wenden/Zetten, Schwaden und schließlich dem Pressen und dem Bergen von Heu- oder der Silage, werden Heuschrecken verletzt oder getötet. Im Laufe einer Vegetationsperiode summieren sich die Verluste bei jedem Bewirtschaftungsdurchgang, so dass viele Arten in intensiv genutztem Grünland mit drei und mehr Nutzungen nicht mehr dauerhaft überleben können. Abgesehen davon, dass bei der Bewirtschaftung Tiere verletzt oder getötet werden, wirkt sich die Wiesenbewirtschaftung auch indirekt auf Insekten aus. Die Blütenvielfalt geht verloren, damit werden wichtige Nahrungsgrundlagen reduziert. Ebenso verschwinden Schutz und Versteckmöglichkeiten. Verschärft wird das Problem durch die große Schlagkraft moderner Maschinen. Ihre große Flächenleistung ermöglicht es, ganze Landstriche in kurzer Zeit zu bearbeiten und leer zu räumen. Dadurch entstehen riesige, strukturarme Flächen, die als Lebensraum für viele Insektenarten vorübergehend ausfallen. Auch die Bodenverdichtung durch die schweren Maschinen wirkt sich negativ auf bodenbrütende Insekten aus. Daher ist es wichtig, bei jeder Mahd ungemähte Bereiche als Schonstreifen zu belassen. Sie reduzieren die durch die Bewirtschaftung bedingten Verluste von Wieseninsekten und Vögeln. Sie bieten Rückzugsorte und Nahrungsquellen für blütenbesuchende Insekten, ermöglichen das Aussamen der Wiesenkräuter und tragen so zur Erhaltung einer artenreichen Vegetation und deren auf sie spezialisierte Insekten bei. Mehrwert für die Landwirtschaft Die Anlage von Schonstreifen ist schon mit wenig Flächeneinsatz, geringem Futter-Verlust und minimalem Bearbeitungsaufwand möglich. Betriebe können für die Anlage von Schonstreifen über die Öko-Regelung 1d „Altgrasstreifen und -flächen auf Dauergrünland“ eine Förderung erhalten. Ebenfalls gibt es je nach Bundesland im Rahmen der Länderprogramme für Vertragsnaturschutz Fördermöglichkeiten für das Belassen von Schonstreifen Standortvoraussetzungen Für das Belassen von Schonstreifen eignet sich Grünland oder Ackerfutteranbau mit Klee/-Luzernegras unabhängig von der Intensität der Bewirtschaftung. Besonders empfehlenswert sind Schonstreifen in artenreichem Grünland, das vielen Insektenarten als bevorzugter Lebensraum dient. Umsetzung Insekten werden effektiv gefördert, wenn mindestens 10% der Fläche bei jeder Nutzung als Schonstreifen erhalten bleiben. Die Schonstreifen können dauerhaft bis in den Herbst oder zwischen den Nutzungen wechselnd belassen werden. Um die Wirkung der Schonstreifen zu maximieren, sollten folgende Empfehlungen berücksichtigt werden: Anordnung der Schonstreifen auf größeren Schlägen: Die Schonstreifen sollten gleichmäßig über den Schlag verteilt werden, im Abstand von maximal 50 Metern. Dies erleichtert Insekten während der Mahd die Flucht in diese Bereiche. Breite der Streifen in der Feldmitte: Schonstreifen in der Feldmitte sollten eine Breite von neun Metern haben, um auch brütende Vögel vor Räubern zu schützen und ein geeignetes Mikroklima zu erhalten. Beim Einsatz von GPS-Technik vereinfacht es die Abläufe, eine oder mehrere Arbeitsbreiten über neun Meter auszusparen. Konzentration auf blütenreiche Standorte bei kleineren Schlägen: Blütenreiche Standorte sollten bevorzugt werden, um Nahrungsquellen für blütenbesuchende Insekten zu erhalten. Breite der Streifen entlang von Gehölzen und Feldrändern: An Gehölzen und Feldrändern können schmalere Streifen von etwa drei Metern Breite angelegt werden. Herausforderungen und Aufwand Was zunächst einfach erscheinen mag, bringt vor allem für landwirtschaftlich genutztes Grünland Herausforderungen mit sich. Besonders auf großen Grünlandschlägen ist eine streifenartige, gleichmäßige Anordnung der Schonflächen sinnvoll. Damit dem Bewirtschaftenden hierbei kein unnötiger Zusatzaufwand entsteht, sollte sich die Lage und Größe der Schonflächen an den Arbeitsgängen, der maschinellen Ausstattung und dazugehörigen Arbeitsbreiten orientieren. Hier lohnt sich eine gute Vorplanung, sollen die Maschinen optimal genutzt und Leerfahrten vermieden werden. Eine weitere Herausforderung betrifft die Qualität des Aufwuchses in den Schonstreifen. Je nach Standzeit gehen mit den Schonstreifen und -flächen Futterwertverluste des Aufwuchses einher, die bei der Betriebsplanung berücksichtigt werden müssen. Bei landwirtschaftlichen Betrieben, welche Grünfutter in Form von Silage bergen, kommt es stark auf die Form der Konservierung in Fahrsilos oder Ballensilage an. Letztere können in der Regel zeitlich versetzt schlagunabhängig geerntet werden, was ein Management der Schonstreifen vereinfacht. Betriebe mit Fahrsilo- und Häckselgutbergung sind diesbezüglich weniger flexibel, da alle Schläge zeitgleich und mit hoher Schlagkraft bearbeitet werden müssen, um den Ernteaufwand möglichst gering zu halten. Erfahrungen und Tipps für die Praxis Um den besonderen Herausforderungen beim Belassen von Schonstreifen zu begegnen, können folgende Tipps hilfreich sein: Mischen von altem und frischem Aufwuchs: Wenn das Vieh den älteren Aufwuchs aus den Schonstreifen verschmäht, kann eine Mischung mit dem frischen Aufwuchs helfen. Alternativ kann der Schonstreifen-Aufwuchs getrennt gepresst und als Einstreu verwendet werden. Bei der Konservierung als Silage im Fahrsilo ist eine gute Mischung oft bereits gegeben. Auswahl der Schonstreifenflächen: Es bietet sich an, Einbuchtungen und Grenzlinien zu Nachbarschlägen oder Waldrändern mit in die Schonfläche einzubeziehen und damit die Erntefläche zu begradigen, um eine künstliche Vereinfachung des Ernteprozesses und der Fahrtwege zu erzielen. Angepasste Düngung der Schonflächen: Bei intensiv gedüngten Wiesen sollte die Düngung auf den Streifen an den reduzierten Nährstoffentzug angepasst werden. Weiterführende Informationen • von Berg, Lea et al. (2023): Insekten- und spinnenschonende Mähtechnik im Grünland - Überblick und Evaluation. In: Landtechnik 78(2), 2023, pp 80-97 (abgerufen am 11.05.2026) • Gardiner, Tim und Hassall, Mark (2009): Does microclimate affect grasshopper populations after cutting of hay in improved grassland?. In: J Insect Conserv (2009) 13, pp 97-102 (abgerufen am 11.05.2026) • Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege/ANL (2024): Altgrasstreifen? Insektenschutzstreifen! Naherholungsgebiete für unsere Insekten schaffen. (abgerufen am 11.05.2026) Autor*innen • Martin Rudolph, BROMMI-Projektmanager Biosphärengebiet Schwarzwald • Johannes Tschich, BROMMI-Projektmanager Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin
03-Praxisbeispiele Maßnahmen-Umsetzungen
Mehrjährige Blühflächen im Ackerbau
Richtig angelegte und gepflegte Blühstreifen bieten Insekten Nahrung, Schutz und dauerhafte Lebensräume. Dieses Praxisbeispiel zeigt: Mit mehrjährigen Mischungen, abschnittsweiser Pflege und ungemähten Bereichen entstehen wertvolle Rückzugsorte – und lebendige Verbindungsachsen zwischen Lebensräumen. Zum Inhalt springen: ↓ Zusammenfassung ↓ Mehrwert für den Insektenschutz ↓ Mehrwert für die Landwirtschaft ↓ Standortvoraussetzungen ↓ Umsetzung ↓ Herausforderungen und Aufwand ↓ Erfahrungen und Tipps für die Praxis ↓Weiterführende Informationen Zusammenfassung Die Anlage von Blühstreifen gehört zu einer der am häufigsten umgesetzten Maßnahmen zum Schutz von Insekten. Doch nicht jeder blühende Streifen am Weges- oder Ackerrand trägt zu ihrem Erhalt bei. Falsch platzierte oder falsch gepflegte Blühstreifen können sogar eine regelrechte Todesfalle darstellen. Um einen guten und vor allem langfristigen Lebensraum zu schaffen, sollten bevorzugt mehrjährige Blühstreifen angelegt werden. Hier haben auch die Insektenarten eine Überlebenschance, die für ihre Entwicklung mehr als nur ein Jahr benötigen. Für die Anlage gilt: je besser die Vorbereitung des Saatbetts, desto weniger Arbeit bei der anschließenden Pflege des Blühstreifens. Nach erfolgreicher Ansaat folgt die Pflege – optimalerweise mit abschnittsweisen Pflegeschnitten und überjährig ungemähten Bereichen. Besonders das erste Jahr kann sehr pflegeintensiv sein. Hat sich der Blühstreifen erst einmal etabliert, kann die Pflege auf ein geringes Maß reduziert werden. Auch eine gut entwickelte Blühfläche sollte jedoch regelmäßig gepflegt werden, um die Artenvielfalt der Pflanzen zu erhalten und sie zu einem dauerhaften Lebensraum zu entwickeln. Mehrwert für den Insektenschutz Blühstreifen bieten nicht nur Nahrung für blütenbesuchende Insekten wie Schmetterlinge und Wildbienen, sondern können bei richtiger Pflege auch dauerhafte Lebensräume und Nistmöglichkeiten darstellen. Je diverser die Zusammensetzung der angesäten Pflanzen, desto mehr unterschiedliche Insekten nutzen den Blühstreifen. Bleibt mindestens ein Teil des Streifens überjährig stehen, können Insekten darin geschützt den Winter überdauern. Ungemähte Bereiche, die mehr als zwei Jahre in Folge stehen bleiben, ermöglichen langsam wachsenden Insekten und auf alte Pflanzenstrukturen spezialisierten Arten ihre Entwicklung abzuschließen und sich erfolgreich fortzupflanzen. Als verbindendes Element zwischen Biotopen, z.B. entlang eines Ackerrandes oder zwischen zwei Waldflächen, kann ein Blühstreifen zudem auch als Wanderkorridor genutzt werden. Auf diesem können sich Insekten von einem Lebensraum in den nächsten ausbreiten. Denn viele Insekten sind nicht in der Lage große Distanzen mit einem Mal zurückzulegen, sondern müssen ihren Weg in kleinere Abschnitte einteilen. Endet ein Abschnitt z.B. auf einem Maisacker, ist das Insekt ein gefundenes Fressen für Vögel und andere Räuber. Ein Blühstreifen hingegen bietet den „Wanderern“ Deckung vor Fressfeinden, Schutz vor der Witterung (z.B. Starkregen) und ausreichend Nahrungsressourcen. Mehrwert für die Landwirtschaft Ein gut etablierter Blühstreifen ist nicht nur für Insekten gut, sondern bringt viele weitere Vorteile mit sich. Ist der Blühstreifen Lebensraum vieler verschiedener Insektenarten, kann sich das positiv auf angrenzende Ackerflächen auswirken. Denn oftmals werden durch Blühstreifen Insekten angelockt, die Schadinsekten wie z.B. Blattläuse zum Fressen gernhaben und so zur Schädlingsbekämpfung in der Kultur beitragen - vorausgesetzt, es werden keine Pflanzenschutzmittel in unmittelbarer Nähe des Blühstreifens verwendet. Neben Insekten lockt ein Blühstreifen auch diverses Niederwild an, wodurch der Streifen eine wichtige Bedeutung als Jagdschneise erhält. Eine bunt blühende Fläche, auf der sich verschiedenste Schmetterlinge, Wildbienen und Käfer tummeln, kommt der menschlichen Vorstellung von intakter Natur sehr nahe und weckt das Interesse von Nachbarn und Spaziergängern. Ein eindrücklicher Blühstreifen zwischen Monokulturen kann seinen Teil dazu beitragen, dass die Landwirtschaft weg kommt vom dem Verursacher-Image und hin zu einer Vorreiterrolle im Insektenschutz. Blühstreifen können über verschiedene Programme gefördert werden. Zum Beispiel in der Ökoregelung 1b oder über länderspezifische AUKM. Hierbei gilt es dann die Förderprogramm-spezifischen Vorgaben bezüglich der Pflege zu beachten. Standortvoraussetzungen Prinzipiell kann auf jedem Boden ein Blühstreifen angelegt werden. Je nach Bodenart sollte die Artenzusammensetzung entsprechend angepasst werden, so dass nur Pflanzen enthalten sind, die mit den jeweiligen Bodenverhältnissen zurechtkommen. Auf mageren Standorten eignen sich Blühmischungen mit Arten wie etwa Gewöhnlicher Thymian und Tauben-Skabiose, auf nährstoffreichen Standorten behaupten sich Blühmischungen mit Arten wie Gewöhnliche Kornrade und Acker-Hundskamille gut. Blühstreifen sollten auf einer möglichst besonnten Fläche angelegt werden, da sie nur hier ihre volle Wirkung für Insekten entfalten können. Ein Blühstreifen im Schatten ist zwar auch mit entsprechenden Pflanzenarten möglich, ist aber nur für wenige Insektenarten interessant. Die Anlage von Blühflächen auf Verkehrsinseln oder beidseitig an Straßenrändern ist zu vermeiden, da die Insekten so durch den ständigen Autoverkehr gefährdet werden und sich der gut gemeinte Blühstreifen in eine Todesfalle verwandelt. Umsetzung Bodenbearbeitung vor der Aussaat Ein sauberes Saatbett bietet angesäten Wildpflanzen ideale Startbedingungen. Dafür sollte der Boden vor einer Neuanlage mittels Fräse, Grubber o.ä. umgebrochen werden. Wichtig ist, dass die Grasnarbe 5-10 cm tief entfernt wird. Wurzelunkräuter wie Ampfer, Ackerwinde und Quecke können durch mehrmaliges Grubbern beseitigt werden, da so die Wurzeln an die Oberfläche geholt werden und dort vertrocknen. Bei Vorkommen von Samenunkräutern wie Hirtentäschel, Weißer Gänsefuß und Kamille kann eine sogenannte Schwarzbrache helfen. Hierzu wird die frisch umgebrochene Fläche erst einmal mehrere Wochen unberührt gelassen. Dadurch keimen die noch im Boden vorhandenen Samen. Mit einer erneuten flachen Bodenbearbeitung (mittels Egge oder Fräse) werden die Keimlinge zerstört. Bei Bedarf kann dieser Schritt mehrmals wiederholt werden. Die letzte Bearbeitung des Bodens darf nur noch oberflächlich geschehen, damit keine neuen Samen aus tieferen Erdschichten zu Tage gefördert werden. Aussaatzeitraum Für eine erfolgreiche Ansaat ist Feuchtigkeit entscheidend. Damit die Samen optimal quellen und keimen können, bedarf es nach der Aussaat mindestens drei Wochen durchgehende Feuchtigkeit im Boden. Bei einer Aussaat im Frühjahr sollte daher eine regenreiche Phase abgewartet werden. Da leichte, aber ergiebige Landregen im Frühjahr immer seltener werden, kann es passieren, dass eine Frühjahrsansaat nur langsam aufläuft und sich der Blühstreifen zunächst nur sehr spärlich entwickelt. In besonders regenarmen Regionen ist daher eine Aussaat im Spätsommer/Herbst zu empfehlen. Die Feuchtigkeit über den Herbst reicht aus, damit die Pflanzen in Form von kleinen Blattrosetten in den Winter gehen können. Die heimischen, mehrjährigen Wildkräuter können in dieser Form auch Fröste überstehen und entwickeln sich im darauffolgenden Frühjahr aufgrund ihres Entwicklungsvorsprunges schneller. Allerdings ist bei einer Spätsommer-Ansaat zu beachten, dass einjährige Arten frostempfindlich sind und so den Winter nach der Ansaat oftmals nicht überstehen. Die meisten Wildpflanzen benötigen direktes Sonnenlicht zum Keimen. Die Samen sollten daher obenauf liegen und nicht in den Boden eingearbeitet werden. Für einen besseren Bodenschluss empfiehlt es sich das Saatgut im Anschluss zusätzlich anzuwalzen, z.B. mit einer Rasenwalze. Um die Samen vor hungrigen Vögeln und Witterungseinflüssen zu schützen, kann eine lockere Mulchschicht aus Grasschnitt auf der Fläche verteilt werden. Dabei dürfen im Schnittgut keine Samen enthalten sein, da diese sonst ungewollte Arten in die Fläche tragen. Die ersten Keimlinge erscheinen bei feuchtem Boden nach zwei bis drei Wochen. Die Entwicklung der Wildpflanzen erstreckt sich über eine ganze Vegetationsperiode. Oftmals keimen nicht alle ausgebrachten Samen schon im Anlagejahr. Auch in den Folgejahren können immer noch Samen aus der Blühmischung auflaufen. Während einjährige Arten bereits im Ansaatjahr zur Blüte kommen (nur bei Frühjahrs-Ansaat!), blühen mehrjährige Arten erst im zweiten Jahr. Aussaatmischung Wenn möglich sollte regionales Saatgut verwendet werden. Denn im Laufe der Evolution haben sich die hier vorkommenden Insekten an die heimische Flora angepasst und zum Teil sehr enge Abhängigkeiten entwickelt. Pflanzen, die ihren Ursprung außerhalb Deutschlands haben, unterscheiden sich zum Teil deutlich von ihren hier heimischen Verwandten und viele von ihnen sind besonders für spezialisierte Insektenarten nicht nutzbar. Aber auch innerhalb Deutschlands gibt es bereits regionale Unterschiede, z.B. in Blühzeitpunkt und -dauer zwischen Pflanzen einer Art. Daher sollte beim Kauf von Saatgut darauf geachtet werden, dass es aus derselben Region stammt, in der es ausgebracht werden soll. In jedem Fall sollte die Blühmischung aus vielen verschiedenen Pflanzenarten bestehen, denn nicht alle werden auf der Fläche auflaufen. Je diverser die Ansaat, desto ergiebiger die Artenvielfalt des Streifens. Dabei sind Saatmischungen für mehrjährige Blühstreifen zu bevorzugen, die langfristigen Lebensraum für Insekten schaffen. Ansaatmenge Die Ansaatstärke hängt von der Artenzusammensetzung der Blühmischung ab. Bei Mischungen mit hohem Wildkräuteranteil liegt sie in der Regel zwischen 2 bis 3 g/m2. Da die Samen besonders von Wildkräutern sehr klein und zart sind, sollte das Saatgut mit trockenem Sand, Sägemehl oder geschrotetem Mais auf 10g/m2 gestreckt werden, um so eine gleichmäßigere Ausbringung der feinen Samen erreichen zu können. Pflege - Im Anlagejahr: Circa 6-10 Wochen nach der Aussaat entscheidet sich, ob ein Pflegeschnitt notwendig ist oder nicht. Sollten trotz guter Saatbettvorbereitung noch unerwünschte Pflanzen wie Weißer Gänsefuß oder Kamille auf dem Blühstreifen wachsen, können diese mit einer gezielten Pflege beseitigt werden. Dafür sollte ein Schröpfschnitt auf einer Höhe von fünf bis sechs cm erfolgen. Bei besonders hoher Blattmasse sollte nach Möglichkeit das Schnittgut zusätzlich von der Fläche entfernt werden. Treten nur vereinzelt unerwünschte Pflanzen auf, können diese auch per Hand aus der Fläche entfernt werden. Bei erneutem Aufwuchs der Unerwünschten sollte der Schröpfschnitt noch ein- bis zweimal wiederholt werden. Dies ist allerdings nur so lange möglich, bis die Keimlinge des Saatgutes zu groß werden und Gefahr laufen, durch den Mäher ebenfalls erfasst zu werden. Erfahrungsgemäß reicht ein Schröpfschnitt zum richtigen Zeitpunkt meist aus. Pflege - In den Folgejahren Die Pflege eines Blühstreifens hängt stark von der Fläche und den Witterungsbedingungen ab. Grundsätzlich besteht ohne Pflege die Gefahr der Vergrasung. Dadurch wird der Blühstreifen für Insekten unattraktiver. Im besten Fall sollten die Flächen daher regelmäßig kontrolliert werden. Nehmen Gräser überhand, sollte ein Blühstreifen zur Blütezeit der Gräser im Mai-Juli gemäht werden (siehe Erfahrungen und Tipps für die Praxis). Wächst der Blühstreifen auf besonders nährstoffreichen Böden entwickelt sich schnell eine dichte Pflanzenmatte, die kaum noch offene Bodenstellen zulässt. Diese sind jedoch für Boden-nistende Insekten wie zahlreiche Wildbienen essenziell, um den Blühstreifen als dauerhaften Lebensraum zu nutzen. Daher sollte bei sehr wüchsigen Blühstreifen ein Teil der Fläche im Frühsommer (Juni/Juli) gemäht werden. So werden neue offene Bodenstellen geschaffen und zudem verlängert sich die Blühphase, da die nachwachsenden Pflanzen noch einmal eine zweite Blüte entwickeln, die je nach Pflanzenart und Witterung bis in den November reichen kann. Grundsätzlich ist es zu empfehlen, die Fläche in einzelne Abschnitte aufzuteilen und diese zu unterschiedlichen Zeiten zu mähen. So finden Insekten (und Feldvögel) auch nach einer Mahd weiterhin einen Rückzugsort vor. Zwischen den Schnitten der unterschiedlichen Abschnitte sollte mindestens ein Monat liegen. Nur dann hat sich der gemähte Bereich bereits soweit erholt, dass die Insekten bei der Mahd des ungemähten Abschnitts in den nachgewachsenen Teil flüchten können. In niederschlagsarmen Zeiten ist der Abstand zwischen den Schnitten auf mindestens 1,5 Monate zu vergrößern, da die Pflanzen langsamer nachwachsen. Um Luft für die nachwachsenden Pflanzen zu schaffen, sollte das Schnittgut nach Möglichkeit nach zwei bis drei Tagen von der Fläche entfernt werden. So wird der Nährstoffeintrag auf der Fläche geringer, zum Vorteil der Wildkräuter, von denen die meisten magere Böden bevorzugen. Allerdings kann es einige Zeit dauern, bis sich ein sichtbarer Erfolg einstellt. Herausforderungen und Aufwand Einen artenreichen Blühstreifen mit Wildpflanzen anzulegen, ist insbesondere im ersten Jahr mit einem erhöhten Aufwand verbunden. Danach braucht es vor allem eins: Geduld. Oftmals zeigen Blühstreifen aus Wildpflanzensaatgut ihre volle Pracht erst im zweiten Standjahr. Wenn also im ersten Jahr der Aufwuchs bescheiden ausfällt oder aus nur wenigen Arten besteht, bedeutet dies nicht, dass der Streifen noch einmal neu angelegt werden muss. Auch richtet sich die Pflege eines Blühstreifens sehr stark nach den Standortbedingungen und kann nicht 1:1 auf jeder Fläche gleich umgesetzt werden. Vielmehr sollte man die Entwicklung des Blühstreifens beobachten und nur tätig werden, wenn Probleme (unerwünschte Pflanzen, Vergrasung etc.) auftreten. Mit perfekten Standortbedingungen (z.B. auf nährstoffarmen Böden) kann sich ein Blühstreifen auch so gut entwickeln, dass nach der erfolgreichen Ansaat keinerlei Pflege notwendig ist und der Streifen auch nach mehreren Jahren noch arten- und blütenreich ist. Doch in der Praxis ist dieses Szenario eher eine Seltenheit. Bei allen Empfehlungen zu einer optimalen Pflege von Blühstreifen ist eines besonders wichtig: sie müssen auch durchführbar sein. Wird der Blühstreifen im Rahmen eines Förderprogrammes (z.B. AUKM oder Vertragsnaturschutz) angelegt, sollte im Vorfeld abgeklärt werden, welche Vorgaben es bezüglich der Pflege gibt. Die größte Herausforderung bei Blühstreifen stellt die Entsorgung des Schnittgutes nach der Mahd dar. Besonders auf wüchsigen Standorten ist ein Beräumen der Fläche wichtig, um den nachwachsenden Pflanzen Luft zu verschaffen. Das Schnittgut kann dabei oftmals nur entsorgt werden, was mit zusätzlichen Kosten und einem erhöhten Aufwand verbunden ist. Auch die Beschaffung von regionalem Saatgut kann eine Herausforderung werden, da nicht für alle Herkunftsregionen gleichermaßen viel Material produziert wird bzw. einzelne Arten für manche Regionen gar nicht verfügbar sind. Zudem ist Regiosaatgut, aufgrund der aufwändigeren Produktion, teurer als konventionelles Saatgut. Je nach Mischung kann der Preis für einen Hektar Fläche schon mal zwischen 1.000 € und 1.900 € liegen. Erfahrungen und Tipps für die Praxis Wenn sich der Blühstreifen trotz intensiver Saatbettvorbereitung und anschließender Pflege nicht so entwickelt, wie erhofft, muss er nicht sofort umgebrochen und neu angelegt werden. Auch alte, verarmte Blühflächen lassen sich oftmals mit einer Umstellung der Pflege aufwerten. Bevor man also einen Blühstreifen umbricht und neu anlegt, sollte Nachfolgendes ausprobiert werden: Mahd bei Gräserdominanz: Oftmals sind im Boden noch einige Wildkräuter vorhanden, die sich aufgrund der Dominanz der Gräser nicht mehr entwickeln können. Hier empfiehlt sich eine Mahd während der Blütezeit der Gräser (Mai - Juli). Allerdings sollte man zu dieser Zeit besonders auf bodenbrütende Vögel achten und ggf. Teilflächen aussparen. Es empfiehlt sich bei der Mahd nicht unter 10 cm zu schneiden, um die noch vorhandenen Wildkräuter nicht zu stark zu schädigen. Zudem sollte das Mahdgut, wenn möglich, nach ca. zwei bis drei Tagen abtransportiert werden. Allerdings kann es einige Zeit dauern, bis sich ein sichtbarer Erfolg einstellt. Sollte nach zwei Jahren noch keine Änderung eintreten, ist vermutlich das Samenpotenzial im Boden erschöpft und eine Neuansaat unumgänglich. Einsaat Klappertopf bei Gräserdominanz: Eine weitere Möglichkeit, die Dominanz von Gräsern auf einem Blühstreifen zu schwächen, ist der gezielte Einsatz des Halbparasiten Klappertopf (siehe auch Praxisbeispiel Klappertopf im Straßenbegleitgrün). Diese krautige Pflanze entzieht vor allem Gräsern in ihrer unmittelbaren Umgebung Wasser und Nährstoffe und hemmt diese so in ihrem Wachstum. Dadurch wird der Bestand lichter, wodurch die Wildkräuter mehr Platz zum Wachsen erhalten. Für die Einsaat des Klappertopfes braucht es keine Bodenbearbeitung. Die Fläche sollte lediglich im Vorfeld gemäht werden. Am besten erfolgt die Aussaat des Klappertopfes im Herbst, da die Samen eine längere Frostperiode für ihre Keimung benötigen. Je nach Standort kann es sein, dass der Klappertopf nicht sofort in Massen aufläuft. Oftmals tritt die Art erst im zweiten Jahr nach der Aussaat in voller Stärke auf. Wenn der Klappertopf sich in der Fläche etabliert hat, müssen die Pflanzen die Gelegenheit zur Aussamung erhalten, sonst verschwinden sie wieder aus der Fläche. Daher ist es essenziell, erst nach Ausreifung der Samen (ca. Mitte August) zu mähen. Bei artenarmen Flächen: Ist das Samenpotenzial einer Fläche erschöpft, kann es sein, dass eine Mahdumstellung nicht den erwünschten Effekt hat. Doch auch dann ist ein vollständiger Umbruch nicht zwingend erforderlich. Durch „Arten-Hotspots“ in Form von neu angelegten Streifen in der bestehenden Fläche, können sich neu angesäte Wildkräuter bei entsprechend angepasster Pflege nach und nach von dort in die verarmte Fläche ausbreiten. Ähnlich wie bei der Neuanlage einer Blühfläche wird auch bei der streifenweisen Neuansaat die vorhandene Grasnarbe entfernt, die neue Saat ausgebracht und angewalzt. Sind die neuen Wildpflanzen erfolgreich aufgelaufen, gelten für die Pflege dieselben Vorgaben, wie auch bei der normalen Ansaat eines Blühstreifens. Haben sich die neuen, kleinen Blühstreifen in der Fläche etabliert, kann die Mahd der gesamten Fläche so geplant werden, dass Gräser zurückgedrängt und die Wildkräuter gefördert werden. Weiterführende Informationen • NNL-Schautafel "Mehrjährige Blühflächen" (Vorlage im NNL-Design als PDF und offene Indesign-Datei) • BROMMI-Erklärfilm “Pflege mehrjähriger Blühflächen in der Landwirtschaft“ im NNL-Design (abgerufen am 11.05.2026) • Startseite Rieger-Hofmann – unter der Rubrik „Wissen“ finden sich ausführliche Informationen rund um das Thema Blühstreifen/-flächen (abgerufen am 11.05.2026) • Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt (2015): „Hinweise zur erfolgreichen Anlage und Pflege mehrjähriger Blühstreifen und Blühflächen mit gebietseigenen Wildarten“ (abgerufen am 11.05.2026) • Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) (2023): Ratgeber „Blüh- und Randstreifen in der Agrarlandschaft“ (abgerufen am 11.05.2026) • Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL): Video „Blühstreifen im Ackerbau: Saatgut und Anbau“ (abgerufen am 11.05.2026)
03-Praxisbeispiele Maßnahmen-Umsetzungen
Beetle Banks oder Käferwälle im Ackerbau
Beetle Banks - Käferwälle als Struktur und Erosionsschutz im Acker Käferwälle schaffen wertvolle Rückzugsorte mitten in der Agrarlandschaft: Sie bieten Insekten, Spinnen und Feldvögeln Schutz, fördern die natürliche Schädlingsregulation und verbessern zugleich den Erosionsschutz sowie Wasserrückhalt. Das folgende Praxisbeispiel zeigt, worauf es bei Umsetzung, Pflege und langfristiger Entwicklung in der Praxis ankommt. Zum Inhalt springen: ↓ Zusammenfassung ↓ Mehrwert für den Insektenschutz ↓ Mehrwert für die Landwirtschaft ↓ Standortvoraussetzungen ↓ Umsetzung ↓ Herausforderungen und Aufwand ↓ Erkenntnisse aus der Begleitforschung ↓Weiterführende Informationen Zusammenfassung Käferwälle (Beetle Banks) sind ca. 50 cm hohe wallförmige Strukturen, die durch mehrmaliges Pflügen eines Streifens von beiden Seiten aufgehäuft werden. Sie haben vielfältige Funktionen. Insbesondere dienen Sie Nützlingen (Insekten und Vögeln) als Ausweich- und Überwinterungshabitat. Bei einer Anlage quer zur Hangneigung mindern sie die Erosion und halten Wasser auf der Fläche. Außerdem bieten sie Habitate für viele weitere Tierarten, z.B. bodennistende Vögel und Niederwild. Die Wälle können sowohl innerhalb eines Feldes als auch entlang des Ackerrandes angelegt werden. Eingesät werden sie optimalerweise mit heimischen Blütenpflanzen und Horst bildenden Gräsern. Mehrwert für den Insektenschutz Käferwälle machen ihrem Namen Ehre – in ihnen überwintern räuberische Lauf- und Kurzflügelkäfer und auch Spinnen in hohen Dichten. Voraussetzungen hierfür sind die gute Drainage und schnelle Erwärmung des Bodens in der Wallstruktur, sowie die temperaturausgleichende Wirkung dichter Grashorste und Blattrosetten. Die genannten Artengruppen tragen zur natürlichen Schädlingsregulierung bei. Von hohen Staudenstängeln und Gräsern aus verbreiten sich junge Spinnen, am seidenen Faden fliegend, ins Feld hinein, wo sie ihre räuberischen Aktivitäten entfalten können. Angesäte Blühpflanzen bieten Nahrung für viele Insekten. Auch ermöglicht die Bearbeitungsruhe vielen Arten eine Fortpflanzung, Entwicklung und Überwinterung im Boden, der Streu und an Pflanzenstängeln vorjähriger Stauden. Der Käferwall schafft ein vielfältiges Mikroklima, in dem kleinste Habitate entstehen. Der obere und sonnenexponierte Teil bietet ideale Voraussetzungen für wärmeliebende Arten. Feuchtigkeit liebende Arten, wie Heuschreckenlarven, können sich auf die kühlere und feuchtere Schattenseite und in die verbliebenen Pflugfurchen zurückziehen. In Phasen von Starkregen bilden die Wälle Rückzugsinseln auf überschwemmten Flächen. In den Pflugfurchen können sich Pfützen teilweise lang genug halten, um die Entwicklung von wasserbewohnenden Köcherfliegenlarven zu ermöglichen. Unter trockeneren Bedingungen bieten die Pflugfurchen dagegen ein Nisthabitat für Wildbienen, wie im BROMMI-Projekt am Schaalsee aufgefunden. Mäusenester, die von Füchsen ausgegraben werden, lassen größere Kuhlen entstehen, in denen Hummeln ihre Nester ansiedeln. Insbesondere zur Erntezeit bilden die Insektenwälle einen Rückzugsbereich, wenn angrenzende Felder abreifen, beerntet und bearbeitet werden und keinen Lebensraum bieten. Das hohe Insektenaufkommen lockt wiederum insbesondere Vögel an, die hier viel Nahrung für die Aufzucht ihrer Brut auffinden. Somit kann durch Anlage eines drei bis vier Meter breiten, mit diversen Wildarten eingesäten Käferwalls eine hochwertige Saumstruktur geschaffen werden, wie sie sich natürlicherweise nur über lange Zeiträume entwickelt. Der Wall bietet unterschiedliche Strukturen im Lauf der Jahreszeiten und der Jahre nach der Anlage. Natürlich gewachsene Strukturen, z.B. entlang unbefestigter Wege und Heckensäume, erfüllen ähnliche Funktionen, sofern sie richtig gepflegt werden. Dazu gehört Mähen in Abschnitten statt Mulchen sowie möglichst wenige Störungen durch Überfahrten. Mehrwert für die Landwirtschaft Käferwälle schaffen Habitatstrukturen, die Nützlingen wie räuberischen Käfern und Spinnen eine Besiedlung des Ackers ermöglichen. Diese Artengruppen tragen zur natürlichen Schädlingsregulierung bei. Entlang von Konturlinien an Hängen unterstützen die Wälle den Erosionsschutz und Wasserrückhalt. Das verstärkte Auftreten von Rehen und Niederwild in der Wallstruktur wird von Jägern geschätzt. Standortvoraussetzungen Idealerweise werden Käferwälle innerhalb von Ackerflächen angelegt, also schlagteilend für große Schläge oder an der Schlaggrenze bei Kleineren. So schaffen sie zusätzliche Habitatstrukturen, die Nützlingen eine Besiedlung des Ackers ermöglichen. Entlang von Konturlinien an Hängen tragen sie zusätzlich zu Erosionsschutz und Wasserrückhalt bei. Für eine vereinfachte Bearbeitung werden sie längs zur Bearbeitungsrichtung angelegt mit Abstand zum Feldsaum, um die Durchfahrt vom einen zum anderen Schlag(teil) zu ermöglichen. Viele BROMMI-Landwirte entschieden sich aber auch für eine Anlage am Ackerrand neben anderen Habitaten wie Gräben, Blühstreifen oder unbefestigten Wegen, wodurch ein diverses Habitat geschaffen wird. Ideal für die Förderung verschiedener Nützlingsarten ist eine Ausrichtung in Ost-Westrichtung. So werden Bereiche mit unterschiedlicher Besonnung und Mikroklima in unmittelbarer Nähe zueinander geschaffen. Käfer und andere Insekten können zwischen besonnten und schattigen Bereichen wechseln und finden optimale klimatische Bedingungen. Auch die Pflanzen reagieren auf die unterschiedliche Besonnung. Es entsteht Strukturreichtum. Bei einer Nord-Süd Ausrichtung ist der Wall gleichmäßig besonnt. Dadurch ergeben sich gute Überwinterungsbedingungen sowie eine frühe Nützlings-Aktivität im gesamten Wall. Die Anlage ist grundsätzlich auf allen Ackerböden möglich. Der Aufwand ist auf steinigen und schweren lehmigen Böden deutlich höher als auf leichteren Böden. Umsetzung Idealerweise wird der Wall im Herbst aufgepflügt. So kann sich der Boden über den Winter setzen und die Erdschollen werden durch die Frosteinwirkung zu einem feinkrümeligen Saatbett im Frühjahr. Unter Umständen müssen zunächst größere Steine entfernt werden, damit das Pflügen möglich ist. Das Aufpflügen erfolgt meist in mehreren Arbeitsgängen, z.B. wenn der Boden sehr schwer ist. Bei leichten Böden sollte der Wall möglichst hoch aufgepflügt werden, damit die Wallstruktur auch nach dem Setzen des Bodens stabil bleibt. Zum Aufpflügen sollte ein Beetpflug verwendet werden, dessen Schare leicht angekippt werden. Ein Drehpflug eignet sich nicht. Die weiteren Arbeitsschritte erfolgen möglichst mit kleinen leichten Maschinen, die den Wall seitlich befahren, um ihn nicht wieder nieder zu drücken. Bei den BROMMI-Landwirten hat es sich bewährt, das Saatbett z.B. mit einer Kreiselegge vorzubereiten. Das Saatgut wird mit einer sehr flach eingestellten Saatmaschine ausgebracht, oder mit einem Schneckenkornstreuer oberflächlich abgelegt und anschließend angewalzt. Kleine Flächen können auch von Hand angesät und angewalzt werden. Für die Einsaat sollte eine Saatgutmischung gewählt werden, die etwa zur Hälfte aus Horst bildenden Gräsern besteht, z.B. Knaulgras oder Rotschwingel. Die andere Hälfte sollten mehrjährige, gebietsheimische Wildkräuter bilden, idealerweise aus Regiosaatgut. Rosetten-formende Stauden und hoch wachsende Arten sollten für eine hohe Strukturvielfalt darin vorhanden sein. Es kann den Arbeitsaufwand verringern, den Wall nur mit Horstgräsern einzusäen, z.B. von Hand, und einen flankierenden Blühstreifen daneben zu säen. Selbstbegrünung hat sich in Studien als weniger günstig für die Überwinterung räuberischer Insekten und Spinnen erwiesen. In vielen Bundesländern kann der Käferwall als Jagdschneise codiert werden, so dass ein Ausmessen nicht erforderlich ist. Alternativ sind je nach Bundesland z.B. Codierungen als Saumstreifen, Blühstreifen oder Brachstreifen möglich. Hierzu sollten die länderspezifischen Regelungen zuvor erfragt werden. Wenn sich im ersten Anlagejahr viele Unkräuter etablieren, kann ein hoher Schröpfschnitt erforderlich sein, um deren Aussamen zu verhindern. Bei übermäßiger Vergrasung kann es sinnvoll sein, den Wall nach zwei bis drei Jahren im Frühjahr mit einem Hochschnitt zu mähen. Ansonsten ist keine Pflege nötig. Herausforderungen und Aufwand Für die Anlage und Bearbeitung der Insektenwälle sind verschiedene Maschinen und Geräte erforderlich: leistungsstarke Maschinen für das Aufpflügen schwerer Böden, für die weitere Bearbeitung z.B. Kreiselegge, leichter Traktor, Saatmaschine bzw. Schneckenkornstreuer und Walze. Kleine Flächen können auch von Hand angesät und angewalzt werden. Für eventuell erforderliche Schröpfschnitte oder Pflegemahd werden geeignete Mähgeräte gebraucht, optimal geeignet sind Böschungsmäher. Sind die Maschinen und Geräte nicht auf dem Hof vorhanden, müssen benachbarte Landwirte für eine Maschinenleihe oder die Umsetzung im Lohn gefunden werden. Dafür muss zusätzlicher Aufwand für Rüstzeiten und Absprachen eingeplant werden. Der Aufwand für die Zusammenstellung von gebietseigenem Saatgut kann relativ hoch sein. Für Landbewirtschaftende empfiehlt sich daher die gängigen Mischungen für Blühstreifen der jeweils Bundesland-spezifischen Agrarumweltmaßnahmen mit Horstgräsern zu mischen. Bei der Anlage des Walles kann es zu erhöhtem Arbeits- und Energieaufwand kommen, wenn Steine entfernt werden müssen. Sowohl bei schweren als auch leichten Böden sind zudem mehrere Arbeitsgänge einzuplanen. Zudem sollte die Aussaat bei windarmer Witterung geschehen, um sicher zu stellen dass das Saatgut auf dem Wall landet und nicht aufgrund der erhöhten Position verweht wird. Die dichte Vegetation auf den Wällen kann u.U. Rückzugsraum für Mäuse sein. Hier empfiehlt sich das Aufstellen von Ansitzwarten für Greifvögel, um Schäden zu vermeiden. Werden Insektenwälle nicht als dauerhafte Struktur geplant, muss damit gerechnet werden, dass sie nach ihrer Einebnung eine Kante im Acker hinterlassen. Diese kann in den Folgejahren bei Wechsel der Bearbeitungsrichtung oder -winkel als störend empfunden werden. Erkenntnisse aus der Begleitforschung Käferwälle werden häufig mit dem Ziel verbunden, räuberische Käfer und Spinnen für die natürliche Schädlingsregulierung zu fördern. In je zwei im BROMMI-Projekt untersuchten Käferwällen in der Uckermark und Unterfranken überwinterten 2022 insgesamt über 1.500 nützliche Insekten und Spinnen je Quadratmeter. Die am stärksten vertretenen Gruppen waren räuberische Käfer und Spinnen, Schlupfwespen sowie meist räuberische Ohrwürmer und Kurzflügelkäfer. Damit hatten dort deutlich mehr nützliche Insekten und Spinnen erfolgreich überwintert als in einfachen Feldsäumen (insgesamt +32 %). Aber auch Winterweizenäcker können wichtige Überwinterungshabitate bieten. Sie dienten an einem Standort weniger, an einem anderen extensiv bewirtschafteten Standort in der Uckermark aber auch mehr als doppelt so vielen nützlichen Insekten und Spinnen zur Überwinterung als der Käferwall (im Mittel +47 %). Ersten Ergebnissen der Begleitforschung im BROMMI-Projekt nach sollte man von Käferwällen keine direkt sichtbaren Effekte auf die Schädlingsregulierung im angrenzenden Acker erwarten. Vielmehr verbreiten sich insbesondere die Laufkäfer von den Käferwällen aus in einem großen Radius, statt im direkten Umfeld zu wirken. Im Umfeld der in BROMMI untersuchten Käferwälle (bis 45 m Abstand) war die Aktivität von Lauf- und Kurzflügelkäfern sowie Spinnen nicht konsistent höher als im Umfeld einfacher Feldsäume. Köderversuche zeigten mehrheitlich eine höhere räuberische Aktivität im Winterweizenschlag im Umfeld der Käferwälle auf (rund +10 Prozentpunkte gefressene Blattlausköder). Allerdings konnte im Zusammenspiel der vielfältigen Faktoren, die das Schädlingsauftreten lokal beeinflussen, kein verringerter Befall mit Blattläusen oder Getreidehähnchen bei Käferwällen im Vergleich zum Umfeld eines einfachen Feldsaumes festgestellt werden. Trotzdem können die Insektenwälle zu langfristig höheren und stabileren Populationen natürlicher Gegenspieler in der Agrarlandschaft beitragen. Weiterführende Informationen • Preißel, S., Glemnitz, M., Stein-Bachinger, K., Döring, T.F. (2023): Förderung der natürlichen Schädlingskontrolle in Winterweizen durch struktur- und blütenreiche “Käferwälle”. 63. Deutsche Pflanzenschutztagung, Göttingen, 26.- 29. September 2023, Kurzfassungen der Vorträge und Poster. (abgerufen am 11.05.2026) • Preißel, S., Glemnitz, M., Stein-Bachinger, K., Döring, T.F. (2024): Köderkarten zur Messung der natürliche Schädlingsregulation und ihrer Förderung durch Käferwälle und Untersaaten. 17. Wissenschaftstagung ökologischer Landbau, Gießen, 5. – 8. März 2024, Tagungsband (S. 228). (abgerufen am 11.05.2026) • Reichardt, P. (2025): Wirkung von Beetle Banks auf die Laufkäferzönose (Carabidae) im angrenzenden Acker in Bezug auf die ökologischen Merkmale Habitatpräferenz und Nahrungsgilde (Masterarbeit), Universität Kassel • Game Conservancy: Anlage von Beetle banks, mit Video (englisch) • F.R.A.N.Z.: Landwirt erklärt Naturschutzmaßnahme "Insektenwall", mit Video Im Internet finden sich viele Praxisvideos zum Stichwort „Beetle Banks“, zum Beispiel: Industrieverband Agrar: e.V. Video zur Anlage und Beschreibung von Beetle Banks durch einen Landwirt Echt Grün – Eure Landwirte: Video zur Anlage und Beschreibung von Beetle Banks durch einen Landwirt Autor*innen • Wiltrud Fischer, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärenreservat Rhön • Sara Preißel-Reckling, ZALF
03-Praxisbeispiele Maßnahmen-Umsetzungen
Bau von Wildbienen-Nisthilfen
Dieses Praxisbeispiel zeigt, wie Nisthilfen richtig gebaut und platziert werden, damit Wildbienen und Wespen tatsächlich einen sicheren Lebensraum finden. Sie erfahren, welche Materialien, Standorte und Pflegemaßnahmen sinnvoll sind und welche Fehler vermieden werden sollten. Zum Inhalt springen: ↓ Zusammenfassung ↓ Mehrwert für den Insektenschutz ↓ Mehrwert für den Menschen ↓ Standortvoraussetzungen ↓ Umsetzung ↓ Herausforderungen und Aufwand ↓ Erfahrungen und Tipps für die Praxis ↓ Weiterführende Informationen Zusammenfassung Nisthilfen sind in vielen Formen und Farben mittlerweile in fast jedem Super- oder Baumarkt erhältlich. Allerdings sind die wenigsten im Handel angebotenen Nisthilfen von Nutzen für Insekten. Einige sind sogar eher schädlich für die Tiere. Zu den häufigsten Besiedlern einer Nisthilfe zählen Wildbienen und Wespen. Wer eine Nisthilfe selbst bauen möchte, sollte auf folgende Dinge achten: die Verwendung unbehandelter Materialien wie Bambus- oder Schilfröhrchen sowie Holzblöcke aus heimischen Harthölzern saubere Verarbeitung ohne scharfe oder zerfaserte Kanten Verzicht auf Materialien wie Tannenzapfen und Stroh, um keine Fressfeinde der Wildbienen anzulocken ein sonniger, geschützter Standort für die Nisthilfe. Künstlich erschaffene Nisthilfen sind in erster Linie eine gute Gelegenheit für den Menschen, Wildbienen bei der „Arbeit“ zu beobachten. Sie sollten immer in der Nähe zu ausreichend artenreichen Blühflächen aufgestellt werden und idealerweise mit anderen Nistmöglichkeiten kombiniert werden. Mehrwert für den Insektenschutz Künstliche Nisthilfen bieten Wildbienen und anderen Insekten einen Platz für die Eiablage und „Aufzucht“ der nächsten Generation. Doch auch die besten Nisthilfen können nur einen kleinen Beitrag zum Schutz der Insekten leisten, da dadurch nur wenige und oftmals häufig vorkommende Arten gefördert werden. Je nachdem wie eine Nisthilfe gestaltet ist, können ganz unterschiedliche Besiedler einziehen. Mehrwert für den Menschen Der Mehrwert von künstlichen Nisthilfen ist maßgeblich dadurch gegeben, dass sie den Menschen die Insekten näherbringen und erfahrbarer machen. Nisthilfen können grundsätzlich von allen Nutzer-Gruppen gefertigt werden (z.B. Privatleute, Botanische Gärten, Landwirte, Gemeinden, Bauhöfe, Kita- und Schulgruppen etc.), die Wildbienenschutz hautnah erleben und einen praktischen Beitrag dazu leisten möchten. Standortvoraussetzungen Die Nisthilfen sollten im Frühjahr an einem vor Wind und Witterungseinflüssen geschützten Ort aufgestellt werden und eine süd- bis süd-östliche Ausrichtung der Nistausgänge aufweisen. Sie sollten mindestens in einer Höhe von 50 cm über dem Boden angebracht werden, um eine Besiedlung durch Ameisen weitestgehend zu vermeiden. Ist eine Nisthilfe einmal installiert, sollte sie an diesem Ort stehenbleiben, auch über die Wintermonate. Die Nutznießer der Nisthilfen benötigen neben den „Räumlichkeiten“ auch eine gute Versorgung mit Nektar, Pollen und Nistmaterial. Daher sollten in unmittelbarer Nähe der Nisthilfen viele, möglichst verschiedene Blütenpflanzen zur Verfügung stehen. Einheimische Wildarten sollten dabei die große Mehrheit bilden. Gegen Kulturarten (z.B. verschiedenste Rosensorten) und auch „Exoten“ wie Sonnenhut, Fackellilien oder Steppenkerzen ist nichts auszusetzen, so lange deren Blüte ungefüllt sind (gelbe Staubbeutel sind erkennbar). Offenbodenstellen, Totholz- und/oder Lesesteinhaufen in räumlicher Nähe zu den Nisthilfen, steigern die Vielfalt an natürlichen Strukturen und schaffen zusätzlichen Lebensraum für Wildbienen und andere Insekten. Umsetzung Für die Gestaltung einer Nisthilfe sind grundsätzlich der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist nur, dass ausschließlich geeignetes Material benutzt und sauber verarbeitet wird: Bambus- oder Schilfröhrchen: Innendurchmesser 2-9 mm, wobei der Durchmesser von 3-6 mm überwiegen sollte; Länge mind. 10 cm ein Ende muss geschlossen sein, dafür Röhrchen hinter Nodium (natürlicher Knoten) durchsägen, so erhält man einen natürlichen Verschluss bei Bambus: Mark mit einem geeigneten Bohrer, stärkerem Draht oder schmaler Flaschenbürste (5 mm) ausräumen (die Innenwand der Röhrchen sollte möglichst glatt sein); bei Schilfröhrchen ist das nicht nötig, hier schaffen die Bienen es allein Keine gerissenen/gebrochenen Röhrchen verwenden; hier können Schimmel oder Parasiten eindringen bzw. die Flügel der hineinkriechenden Wildbienen und Wespen verletzt werden Alternative zu einzelnen Röhrchen: Sichtschutzzäune aus Schilf (Baumarkt) auf 30 cm zurechtschneiden, aufrollen und als Paket zusammenbinden; hierbei gilt Vorsicht beim Bearbeiten, da Schilf sehr schnell bricht - am besten nutzt man eine Flex, elektrische Laubsäge oder scharfe Astschere Anmerkung: Soll die Nisthilfe ausschließlich aus Röhrchen bestehen, lieber mehrere kleine Nisthilfen statt eine sehr große anlegen. Je größer die Nisthilfe, desto größer die Gefahr einer Besiedelung der Wildbienen und/oder Wespen durch Parasiten. Tendenziell sollte die Gesamtfläche der Niströhren nicht mehr als 0,5 m2 umfassen. Pappröhrchen: Diese Röhrchen werden weniger häufig angenommen und besitzen nur eine geringe Haltbarkeit. Bei der Verwendung ist besonders darauf zu achten, dass die Röhren nicht mit Regen in Kontakt kommen. Röhrchen aus Altpapier weisen oftmals eine Verunreinigung mit Druckerschwärze und/ oder anderen Mitteln auf und sind zu vermeiden. Andere markhaltige Stängel (Brombeere, Stockrose): Bearbeitung ähnlich wie bei Bambus, allerdings das „Ausräumen“ weggelassen (die Wildbienen schaffen das hier allein) Röhrchen einzeln und senkrecht aufhängen (!), da sie sonst nicht angenommen werden Stängel sollten nicht mit dem Boden in Kontakt kommen Bohrungen in Holz: Nur Hartholz verwenden; am besten eignet sich abgelagertes, entrindetes Holz von Esche, Buche, Hainbuche oder Eiche Trocknungsgrad des Holzes sollte ähnlich hoch wie bei Brennholz sein Innendurchmesser zwischen 2-9 mm, wobei der Durchmesser von 3-6 mm überwiegen sollte Die Länge der Niströhren sollten mindestens dem Zehnfachen des Durchmessers entsprechen, alternativ alle Röhren 10 cm tief bohren Abstände zwischen den einzelnen Bohrungen sollten mindestens 6 mm (bei Bohrungen zwischen 3-5 mm Durchmesser) bzw. 10 mm (bei Bohrungen zw. 6-9 mm Durchmesser) betragen Bohrungen, insbesondere die Kanten, mit einer sehr feinen Rundpfeile nacharbeiten, um Splitter zu vermeiden Oberfläche nach Bohrung mit feinem Sandpapier glätten Quer zur Holzmaserung (Wuchsrichtung) bohren, so lässt sich das Auftreten von Rissen im Holz bei Austrocknung vermeiden und damit die Gefahr von Schimmelbildung oder Parasitenbefall in den Nistgängen verringern Lehmwände: Sie lassen sich gut in größeren Terrakottatöpfen oder Eternit-Blumenkästen anlegen und in die Nisthilfe einbauen oder darunter/daneben platzieren. Der Lehm sollte in seiner Konsistenz so sein, dass ein mit einem Zahnstocher reingestochenes Loch bestehen bleibt und er sich bei Austrocknung noch leicht mit dem Fingernagel abkratzen lässt mindestens 30 cm tief Durch einige vorgebohrte Löcher kann die Attraktivität der Wand gesteigert werden (suggeriert den Wildbienen, dass die Wand schon „bewohnt“ ist) Weitere Ausstattungsmöglichkeiten: Strangfalzziegel (auch Biber oder Biberschwanzziegel); sollten ggf. mit einer Rundfeile gereinigt werden Vorgefertigte Niststeine aus Terracotta („Bienenstein“) Untaugliche Materialien sind: Tannenzapfen Laub Stroh und Heu Rindenstücke Lochsteine Ziegel ohne Füllung (dienen eher Spinnen als Rückzugsort, die wiederum Jagd auf die Wildbienen machen) Holzwolle (lockt Ohrwürmer an, die ebenfalls Wildbienen jagen) Röhren mit mehr als 9 mm Durchmesser Nadelholz In die Front gebohrte Holzscheiben (erhöhte Gefahr zur Bildung von Rissen, durch die Pilze zu den Larven gelangen) Grundsätzlich ist von Füllungen mit losem Material abzuraten, da dies Spinnen, Ohrwürmer und andere Fressfeinde anlockt. Zeitpunkt zum Aufstellen der Nisthilfen: Grundsätzlich sollten Nisthilfen im Frühjahr aufgestellt werden. Um zu vermeiden, dass die Nisthilfen von der häufig vorkommenden Gehörnten Mauerbiene gänzlich in Beschlag genommen wird und um seltenere Wildbienenarten zu fördern, kann das Aufstellen auch erst im Mai erfolgen. Dann sind die Mauerbienen mit dem Nestbau so gut wie fertig und stellen dadurch kaum noch eine Konkurrenz an den freien Nistplätzen dar. Schutz vor Vögeln: Nicht zwingend erforderlich, da die meisten Wildbienen und Wespen leere Kammern am Anfang der Niströhre anlegen, um die Brut zu schützen Wer auf Nummer sicher gehen möchte, sollte Drahtgeflecht (mit Maschen von 2 cm x 2 cm) nutzen und dieses mindestens 10 cm von den Eingängen der Nistgänge entfernt anbringen. Ergänzende Strukturen an der Nisthilfe: Neben einem strukturreichen Umfeld (Offenbodenstellen, Totholz- und/oder Lesesteinhaufen), können auch an der Nisthilfe selbst ergänzende Strukturen angebracht werden, die gänzlich anderen Wildbienen- und Wespenarten Nistmöglichkeiten bieten. Totholzstämme oder Wurzelstöcke bieten Wildbienen und Wespen Nistmöglichkeiten, die ihre Nistgänge selbstständig herstellen. Sie sind auch für Holz-bewohnende Käfer interessant. Herstellung: alle Arten von Weich- und Hartholz nutzbar, auch Nadelholz Durchmesser von mindestens 15 cm, Länge von mindestens einem Meter; besondere Arten wie die Holzbiene werden mit größeren Durchmessern stärker gefördert Platzierung direkt neben einer Nisthilfe, stabil festgebunden oder tief eingegraben Herausforderungen und Aufwand Herausfordernd ist die saubere Bearbeitung der Niströhren und Bohrlöcher. Hier sollte besonders sorgfältig gearbeitet werden, da die Nisthilfe ansonsten nicht angenommen wird oder sogar Insekten zu Schaden kommen können. Eine jährliche Reinigung ist nicht notwendig. Die „Nachmieter“ von verlassenen Nistgängen räumen alleine auf. Reste, die außen an der Nisthilfe hängen oder auf dem Boden liegen, können mit einer weichen Bürste entfernt werden. Je nach Größe und verwendeten Materialien kann der Bau einer Nisthilfe sehr aufwendig werden. Wer erst ein Gefühl für den Arbeitsaufwand bekommen möchte, kann mit einer kleineren Nisthilfe starten. Insbesondere die Verarbeitung von Bambus und Schilf kann sehr zeitaufwendig sein. Alternativ können hier vorgefertigte Röhrchen gekauft (siehe Weiterführende Informationen) und in die Nisthilfe eingesetzt werden. Bei Bohrungen in Hartholz kann es leicht zu einer Überhitzung des Bohrers kommen. Entsprechend müssen während der Bearbeitung von Holzblöcken immer wieder Pausen eingelegt werden. Erfahrungen und Tipps für die Praxis Wenn alle oben angegebenen Hinweise beachtet werden, steht dem Einzug der Wildbienen und anderer Insekten kaum etwas im Weg. Allerdings kann es schon mal ein bis zwei Jahre dauern, bis eine Nisthilfe gut angenommen wird. Es ist also Geduld gefragt. Parasiten wie Goldwespen, andere Hautflügler und einige Fliegenarten gehören zum Arteninventar einer Nisthilfe dazu und sollten nicht entfernt werden. Oftmals sind die Parasiten die weitaus selteneren Arten als ihre Wirte. Spezielle Nistblöcke für Mauerbienen (sog. MDF-Blöcke) sollten im privaten Bereich und auf öffentlichen Plätzen keine Anwendung finden. Sie sind vor allem für den Einsatz im Obst- und Gemüseanbau gedacht. Umfeld der Nisthilfen: In Ergänzung zur Nisthilfe selber, ist ein ausreichendes Nahrungsangebot im Umfeld essentiell. Alternativ zu einer Lehmwand, kann auch eine Schale oder eine Vertiefung im Boden mit einem Lehm-Sandgemisch bereitgestellt werden. Dieses Material benötigen viele Insekten für den Nestverschluss. Besonders an heißen Tagen hält etwas Wasser das Lehmgemisch feucht und für die Insekten nutzbar. Sogenannte Insektentränken mit Zuckerwasser oder Honigwasser sollten nicht aufgestellt werden! Insbesondere Honigwasser kann Erreger von Bienenkrankheiten wie der Faulbrut enthalten und diese so auf Wildbienen übertragen. Weiterführende Informationen Bezugsquellen vorgefertigter Röhrchen: • Niströhren aus dem Bienenhotel-Shop (abgerufen am 11.05.2026) • Schilfhalme aus dem Mauerbienen-Shop (abgerufen am 11.05.2026) Bezugsquellen vorgefertigter Nisthilfen: • Bienenhotels von bienenhotel.de (abgerufen am 11.05.2026) • Wildbienen-Nisthilfen aus dem Naturschutzcenter (abgerufen am 11.05.2026) Informationen zu Bienen und Nisthilfen: • BROMMI-Handreichung: "Nisthilfen für Wildbienen und begleitende Maßnahmen“ • Flyer: Nisthilfen – so geht es richtig (Landkreis Oldenburg) (abgerufen am 11.05.2026) • Verbesserung von Nistmöglichkeiten auf wildbienen.info (abgerufen am 11.05.2026) • Leitfaden zum Bau von Nisthilfen: „Fertig zum Einzug: Nisthilfen für Wildbienen: Leitfaden für Bau und Praxis - so gelingt‘s“ (David Werner, pala-Verlag, 2016) (abgerufen am 11.05.2026) • Bestimmungshilfe für Wildbienen in Nisthilfen (Pomologen-Verein e.V.) (abgerufen am 11.05.2026) Autor*innen: • Dr. Josephine Kuczyk, BROMMI-Projektmanagerin Biosphärenreservat Schaalsee • Florian Lauer, BROMMI-Projektmanager Biosphärenreservat Mittelelbe
03-Praxisbeispiele Maßnahmen-Umsetzungen