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Befragung landwirtschaftlicher Akteure zu Insektenschutz

Um Insektenschutz in Agrarlandschaften von Großschutzgebieten wirksam zu stärken, ist es wichtig, die Sichtweisen, Motivationen und Hemmnisse landwirtschaftlicher Akteure besser zu verstehen. Die Ergebnisse einer qualitativen Befragung von 25 Betrieben in fünf Biosphärenreservaten zeigen auf, wie aus ihrer Sicht Beratung, Kommunikation und zukünftige Förderangebote gestaltet werden sollten und welche Rolle Biosphärenreservate dabei einnehmen können.

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1. Hintergrund der Befragung

    Das Biodiversitätsbewusstsein von Landwirt*innen und ihre Sichtweise auf Insektenschutz ist trotz vieler Untersuchungen bisher wenig dokumentiert – insbesondere für die Landschaften und Betriebstypen in Biosphärenreservaten, die unter langjährigem Einfluss von Naturschutzaktivitäten stehen. Zu Beginn des BROMMI-Projekts im Winter 2020/2021 wurden jeweils fünf Landwirt*innen in den beteiligten Biosphärenreservaten (BR) (Verlinkung auf Modellgebiete) befragt, um die Wahrnehmung von Insekten und die Akzeptanz von insektenfördernden Maßnahmen zu erörtern und Anknüpfungspunkte für die Kommunikation und Unterstützung der Maßnahmenumsetzung aufzuzeigen. Darunter waren 11 konventionell wirtschaftende Betriebe sowie 9 vollständig und 5 teilweise  ökologisch wirtschaftende Betriebe.

    • Der ausführliche Bericht und eine Kurzfassung stehen am Ende dieser Seite als Download bereit. (Verlinkung Weiterführende Informationen).
    • Praktische Tipps und Erfahrungen zur Einbindung von Landwirtinnen und Landwirten finden sich im Kapitel „Gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten Artenreichtum zurückholen“ (Verlinkung).

    2. Ergebnisse: Bedeutung der Biosphärenreservate für den Insektenschutz

    Landwirt*innen schätzen Biosphärenreservate als attraktives Lebens- und Arbeitsumfeld und sehen die BR- Verwaltungen als kompetente Ansprechpartner für landwirtschaftliche und naturschutzfachliche Fragen. Insbesondere wird den BR eine wichtige Vermittlerrolle zwischen Landwirtschaft, Naturschutz, Behörden und Gesellschaft zugeschrieben. Gleichzeitig wünschen sich viele Landwirt*innen häufigere persönliche Kontakte, eine stärkere Beteiligung an Planungsprozessen sowie konkrete Informations- und Beratungsangebote zum Insektenschutz.

    Insbesondere Beratungsangebote für insektenfördernde Maßnahmen werden bislang oft als unzureichend wahrgenommen. Die Befragung zeigt damit deutliches Potenzial, die Rolle der BR als Vermittler und Unterstützer weiter auszubauen.

    Die konkreten Auswirkungen der BR auf die Landschaft und Bewirtschaftung werden sehr unterschiedlich wahrgenommen. Viele Betriebe erkennen keine Unterschiede in der Landschaft durch Einrichtung des BR, und führen ihre Wirtschaftsweise eher auf betriebliche oder natürliche Voraussetzungen zurück als auf den Einfluss des BR.

    Gleichzeitig zeigen sich bei Betrachtung der langfristigen Betriebsentwicklung durchaus Anpassungen in der Betriebsausrichtung, etwa auf extensivere Bewirtschaftungsformen, die Übernahme von Landschaftspflege oder ökologische Wirtschaftsweisen.

    Abbildung 1: Beispielhafte Interviewzitate zum Bedarf und Potential an Naturschutzberatung durch Biosphärenreservate und andere örtliche Anlaufstellen


    3. Ergebnisse: Verständnis von und Bewusstsein für Insektenschutz

    Die Befragten sind dem Thema Insektenschutz insgesamt sehr offen zugewandt und drücken in unterschiedlicher Form die persönliche Motivation, wahrgenommenen Handlungsbedarf und Verantwortung der Landwirtschaft aus, sich für den Insektenschutz zu engagieren. Auch auf Grundlage eigener Wahrnehmungen von Insekten im landwirtschaftlichen und privaten Umfeld, sehen viele Befragte einen intrinsischen Wert in der Förderung von Insekten und in ihrer Rolle im Ökosystem. Diese hohe Wertschätzung hebt sich von Ergebnissen anderer Befragungen ab.

    Unter wenigen Befragten bestehen hingegen grundsätzliche Zweifel am Insektenrückgang an sich bzw. für ihre Region. Diese konnten durch die ihnen bekannte bisherige Kommunikation von Forschungsergebnissen weniger Studien nicht überzeugend ausgeräumt werden. Die wissenschaftliche Qualität, Repräsentativität und die Vielzahl der vorliegenden Studien sollten zukünftig stärker hervorgehoben werden.

    Verantwortung der Landwirtschaft

    Die meisten Befragten schreiben der Landwirtschaft neben der Nahrungsmittelerzeugung ein großes Wirkungspotential und eine verantwortungsvolle Rolle im Insektenschutz zu. Im betrieblichen Umweltbewusstsein konkurriert der Insektenschutz allerdings in Bedeutung und Wahrnehmbarkeit mit anderen Natur- und Umweltschutzfragen wie Regulierung des Wasserhaushalts, Bodenschutz, Klimaanpassung, und Artenschutz mit spezifischen Schutzaufträgen und steht häufig dahinter zurück.

    Die Befragten lassen vier grundsätzliche Sichtweisen auf die eigene landwirtschaftliche Verantwortung für den Natur- und Insektenschutz erkennen, die unterschiedliches Potential für Zusammenarbeit im Insektenschutz bieten:

    1. Ein geringes Ausbaupotential besteht bei explizit auf den Marktfruchtanbau fokussierenden Betrieben, die teilweise negative Erfahrungen mit Natuschutzaktivitäten gemacht haben.
    2. Bereits stark auf den Naturschutz ausgerichtete Betriebe: können als Kooperationspartner und Multiplikatoren angesprochen werden.
    3. Betriebe, die insektenfreundliche Bewirtschaftungspraktiken bereits fest in Betriebsabläufe integriert haben, können als Experten agieren, um Maßnahmen weiter zu entwickeln.
    4. Das höchste Ausbaupotential für Insektenschutzmaßnahmen liegt bei Betrieben, die daran arbeiten, Insektenschutz trotz hoher Umsetzungshindernisse in wirtschaftliche Abläufe zu integrieren.  Dies erfordert vor allem Kompromisse, konstruktiv-kritische Diskussion und Gremienarbeit. Diese Gruppe kann ein wichtiger Partner für Insektenschutz sein, wenn der ökologische Nutzen von Maßnahmen überzeugend verdeutlicht und der Dialog aktiv gesucht wird.

    Abbildung 2: Beispielhafte Interview-Zitate zur Wertschätzung von Insekten und der Zuschreibung eines intrinsischen und ökologischen Wertes

     Quelle: Landwirt*innen-Befragung 2020/21 (Sprache leicht geglättet, Abkürzung verweisen auf die je 5 befragten Betriebe der Biosphärenreservate Schaalsee (SE), Schorfheide-Chorin (SC), Mittelelbe (ME), Bayerische Rhön (RH) und Schwarzwald (SW)).


    4. Ergebnisse: Biodiversitätsmaßnahmen in der Landwirtschaft

    Zentrale Ansatzpunkte für ein Mehr an Insektenschutz in der Landwirtschaft liegen für Befragte oft in einer idealisierten Form guter fachlicher Praxis, z.B. mit vielfältigem Anbau, Beweidung, Bodenverbesserungen oder traditionellen Bewirtschaftungsweisen. Darüber hinaus besteht eine hohe Bereitschaft, im örtlichen und persönlichen Umfeld mit Blühflächen und Biotopanalagen zu Landschaftserhalt und Insektenschutz beizutragen. Gute persönliche Kontakte zu Naturschutzakteuren und wahrnehmbare Beiträge anderer Flächennutzer fördern die Bereitschaft von Landwirt*innen, sich für Insektenschutz einzusetzen.

    Rolle von Biosphärenreservaten und wahrgenommene Hürden

    Für öffentlich geförderte Agrarumweltmaßnahmen werden dagegen stärker die administrativen Vorgaben, Förderhöhen und -voraussetzungen, aber besonders diesbezügliche Unsicherheiten und der Bedarf an langfristiger Planbarkeit diskutiert. Biosphärenreservate können durch die Vermittlung zwischen verschiedenen Zuständigen und den persönlichen Zugang zu kompetenten Ansprechpartnern wichtige Unterstützung leisten, und über Änderungen in Förderprogrammen oder ökologische Zusammenhänge aufklären. Ein regionales Angebot an förderfähigen Maßnahmen über Vertragsnaturschutz oder Landschaftspflege, vermittelt durch die BR, kann Abhilfe für eingeschränkte Zugänglichkeit von Agrarumweltmaßnahmen schaffen.

    Als weitere Hürden werden begrenzte personelle und wirtschaftliche Kapazitäten sowie fehlende Flexibilität bei der Anpassung von Maßnahmen an betriebliche und lokale Gegebenheiten genannt. Viele Befragte wünschen sich mehr Austausch über praktische Erfahrungen sowie Möglichkeiten, ihr Wissen und ihre Ortskenntnisse in die Gestaltung von Maßnahmen einzubringen. Durch Unterstützung bei bürokratischen Herausforderungen und Koordination für logistische Herausforderungen kann der Arbeitsaufwand für Landwirt*innen verringert und ein spürbarer Vorteil durch die betriebliche Lage im BR vermittelt werden.

    Landwirt*innen ist es wichtig, dass Maßnahmen auch gelingen und wirken, und nicht an Widersprüchen zu administrativen Vorgaben oder unzureichender Anpassung an Standort und Witterung scheitern. Beratungen und Maßnahmengestaltung sollten mit Austausch über Erfahrungswerte und Ortskenntnisse der Landwirt*innen verbunden werden, und die Rolle und Verantwortung der Landwirt*innen durch Mitgestaltungsmöglichkeiten und partizipative Maßnahmenentwicklung anerkannt werden.

    Zugleich wird deutlich, dass Landwirt*innen Insektenschutz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe betrachten. Sie erwarten mehr Anerkennung für erbrachte Leistungen und eine stärkere Beteiligung anderer Akteure, beispielsweise auf kommunalen Flächen, an Straßenrändern oder in privaten Gärten. Insektenschutzprogramme sollten verschiedene regionale Flächenbewirtschaftende einbeziehen und diese sichtbar machen.

    Abbildung 3: Ansatzbereiche für Insektenschutz und Unterstützungsbedarfe mit beispielhaften Interviewzitaten

    Quelle: Landwirt*innen-Befragung 2020 (Sprechblasen, Sprache leicht geglättet, Abkürzungen verweisen auf die je 5 befragten Betriebe der Biosphärenreservate Schaalsee (SE), Schorfheide-Chorin (SC), Mittelelbe (ME), Bayerische Rhön (RH) und Schwarzwald (SW)).


    5. Empfehlungen und Schlussfolgerungen

    Diese Befragung verdeutlicht, dass es eine Zielgruppe Insektenschutz-zugewandter Landwirt*innen gibt, die durch unterschiedliche Formen von Vermittlungsarbeit aktiviert werden kann. Beratung zu Insektenschutz in der Agrarlandschaft ist bisher jedoch nicht klar in der BR-Arbeit verankert und personell ausgestattet. Die Ergebnisse zeigen auf, welche Chancen sich bieten, wenn es gelingt, die Rolle von Biosphärenreservaten als Vermittler zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Gesellschaft weiter zu stärken. Insbesondere individuelle Beratung, die Vermittlung zwischen Akteuren sowie die gemeinsame Entwicklung praxisnaher Maßnahmen können dazu beitragen, die Umsetzung von Insektenschutz in der Agrarlandschaft wirksam zu erhöhen. Voraussetzung dafür ist eine Stärkung der personellen und finanziellen Kapazitäten in den Verwaltungen und der politische Wille, die Rolle der BR dahingehend zu unterstützen.


    6. Weiterführende Informationen

    • Preißel S, Braitsch R, Hoops L (2024) BROMMI – Gemeinsam Insekten schützen: Sichtweise landwirtschaftlicher Akteure. Ergebnisbericht der Befragung: Sichtweise von Landwirtinnen und Landwirten in Biosphärenreservaten auf Insekten und Insektenschutz. Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, Müncheberg, 51 S.
    • Preißel S, Braitsch R, Hoops L (2024) BROMMI – Gemeinsam Insekten schützen: Sichtweise landwirtschaftlicher Akteure. Zusammenfassung. Ergebnisbericht der Befragung: Sichtweise von Landwirtinnen und Landwirten in Biosphärenreservaten auf Insekten und Insektenschutz. Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, Müncheberg, 51 S.

    Autorinnen

    • Sara Preißel, Ronja Braitsch, Lara Hoops, Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF e.V.),
    • unter Mitwirkung von Gyde Petersen (ZALF e.V.), Anna Bach, Sonja Miller (NNL e.V.) und 26 Landwirt*innen