Apfel ist nicht gleich Apfel – Die Sortenvielfalt auf den Streuobstwiesen ist groß. Ob säuerlich, wie der Brettacher, oder süß, wie der Rote Eiserapfel oder der Öhringer Blutstreifling, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Die Sortenvielfalt hat auch ökologische Vorteile. Durch die unterschiedlichen Blühzeitpunkte von Apfel, Birne, Kirsche und Pflaume sowie die unterschiedlichen Reifezeiten der Früchte, ist das Nahrungsangebot für die Tiere auf der Streuobstwiese das ganze Jahr über gesichert. Die Züchtungsbemühungen vergangener Jahrhunderte riefen immer neue Sorten hervor und sollten die Obstbäume robust gegenüber schwierigen Standortbedingungen und Schädlingen machen. Somit beherbergen die Streuobstsorten auch ein Reservoir unterschiedlicher Genvarianten, die es zu erhalten gilt. Durch Kombinationen können nützliche Eigenschaften robuster alter Sorten zu neuen verbunden werden oder altbekannte bereichern. Durch Veredlung werden alte Obstsorten erhalten. Traditionelle Obstsorten werden über Generationen hinweg am Leben erhalten. Dies ermöglicht eine altbewährte Methode: Die Veredlung. Besondere Eigenschaften, wie die Wuchsstärke, oder Widerstandskraft, lassen sich durch diese Vermehrungsmethode übertragen. Bei der Veredlung wird auf eine sogenannte „Unterlage“, eine andere Sorte, die man erhalten möchte angebracht. Die Unterlage ist der Teil mit der Wurzel, welche später den Stamm bildet. Unterlage und Edelsorte werden mittels „Propfen“ miteinander verbunden und wachsen zu einer Pflanze zusammen. Die Unterlage bestimmt die Wuchseigenschaften des Obstbaumes. Manche alten Sorten eignen sich aufgrund ihrer guten Wuchseigenschaften sehr gut als sogenannte „Stammbildner“. Der Schneiderapfel wird gern aufgrund seines guten Wachstums, robusten Laubs und winterfrostharten Holz als Unterlage für die Veredlung genutzt. Darauf kommt dann der Teil der gewünschten Sorte, welcher als „Edelreiser“ bezeichnet wird. Bei dieser Vermehrungsmethode (Okulation genannt) wird ein junger Trieb eines Obstbaumes („Edelreis“) der gewünschten Sorte auf einen vorher durch Schnitt vorbereiteten Stummelast des zu veredelnden Baumes gesetzt und mittels Bast verbunden. Der beste Zeitpunkt für diese Vermehrungsmethode ist der Sommer, da der Baum dann noch austreibt. Dieser besitzt die gewünschten Eigenschaften, die der Obstbaum später besitzen soll. Aus der Baumschule kommt der junge Obstbaum dann auf die Streuobstwiese. Die veredelten Obstbäume sollten nicht zu tief eingepflanzt werden, weil die Edelsorte bei Bodenkontakt sonst noch einmal austreibt. Aber warum wird eigentlich veredelt und nicht direkt der Samen der alten Streuobstsorte eingepflanzt? Die Samen enthalten nicht genau dieselben Eigenschaften der Mutterpflanze. Bei der geschlechtlichen („generativen“) Vermehrung entstehen neue Kombinationen der Erbanlagen von Mutter- und pollenspendender Vaterpflanze, die zu neuen Eigenschaften des Obstbaumes führen. Bei der ungeschlechtlichen („vegetativen“) Vermehrung durch Veredlung wird ein identischer Nachkomme (ein Klon) der Mutterpflanze gebildet, der dieselben Eigenschaften besitzt. So können gezielt besondere Eigenschaften weitergegeben werden. Als ein altbewährter Tafelapfel mit erfrischendem Aroma ist der Gewürzluiken sehr beliebt und eignet sich für den extensiven Anbau optimal. Auf unseren Projektflächen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb wächst diese alte Streuobstsorte. Auch der Glockenapfel, der Brettacher, der Gewürzluiken, der Rote Boskoop und die Sorte Geheimrat Dr. Oldenburg stehen auf unseren Projektflächen. Alle Sorten sind aus Veredelungen hervorgegangen. Auf den folgenden Bildern wird das Prinzip des Pfropfens dargestellt:
Das Edelreis wird hinter den Schnitt der Rinde geschoben.
Fertig gepfropftes Edelreis vor dem Verbinden und Verschmieren.
               
Das Wachs zum Verschmieren der Wunden am Baum.
 
„Hinter die Rinde Pfropfen“: Der dicke Leitast wurde abgeschnitten und zwei Edelreiser „drauf veredelt“. Am Ende bleibt nur einer der Reiser als Weiterführung des Astes, der andere ist eine „Reserve“, falls einer der beiden nicht anwächst. Das Ganze wird mit Bast verbunden und dann mit Wachs verschmiert.
               
Dieser Baum wurde vor 6 Jahren mittels Pfropfen umveredelt. In der Baumschule wurde die falsche Sorte gekauft und daher die „Wunschsorte“ drauf veredelt. Die dicke Stelle am vorderen Ast ist die Veredlungsstelle. Der „Knubbel“ vorne ist das Reservereis, das dann entfernt wurde, weil das obere Edelreis angewachsen ist.
…hier ist der gleiche Baum zu sehen, aber ein anderer Leitast: oben der „Knubbel“ mit dem Reservereis und unten der neue Leitast mit der anderen Sorte.                    / Alle Fotos: © Schwäbisches Streuobstparadies e. V.
                    Titelbild: Kirschpflaume, auch Myrobalane genannt, ist eine gute Unterlage für die Veredlung von Zwetschgen und Pflaumen. / © Schwäbisches Streuobstparadies e. V.